Wer singt, der betet doppelt – 25 Jahre Jugendvesper in St. Ottilien

Exakt seit einem Vierteljahrhundert treffen sich an jedem ersten Freitag im Monat Jugendliche und jung gebliebene Erwachsene in St. Ottilien, um gemeinsam zu beten, zu singen und zu musizieren. Aus diesem Anlass erinnert sich Pater Wolfgang Öxler, einer der Begründer der Jugendvesper, zusammen mit dem KREISBOTEN an die Anfänge und erzählt über ihre heutige Gestalt.

Im Februar 1984 fand in St. Ottilien die erste Jugendvesper statt. Wie kamen Sie damals auf die Idee, dieses Angebot für Jugendliche einzurichten? P. Wolfgang: „Auf den Spuren des Hl. Benedikt, so nannte sich eine Veranstaltung der Regionalstelle für kirchliche Jugendarbeit in Kooperation mit den Klöstern. Diese Zusammenarbeit sollte über die Veranstaltung hinaus weitergehen. Klöster sollten als geistliche Zentren fungieren, da die Pfarreien vieles nicht mehr leisten können. Das war die gemeinsame Idee von Pfarrer Hans Appel, Pater Claudius Bals und mir – die Jugendvesper war geboren.“ Können Sie sich noch an die erste Jugendvesper erinnern? P. Wolfgang: „Ja! Am 3. 2. 1984 trafen sich in der Ottilienkapelle etwa 30 bis 40 Jugendliche. Die Freude am Glauben war unser Thema, und ich versuchte, mit schwungvollen Liedern diese Freude zum Ausdruck zu bringen. Anschließend gab es noch die Möglichkeit zu einem gemütlichen Umtrunk.“ Am Freitag feierte die Jugendvesper ihren 25. Geburtstag. Was hat sich seit der ersten Vesper verändert? P. Wolfgang: „Die Anzahl der teilnehmenden Menschen ist deutlichst angewachsen. Deswegen ist die Jugendvesper auch in die Klosterkirche umgezogen, wo sich zuweilen bis zu 1000 Menschen versammelten. Letzten Juli war die Vesper auf dem Vorplatz der Klosterkirche mit rund 2000 Menschen ein ,geistliches Event‘. Inzwischen braucht es daher viel Vorbereitung und Technik. Seit Sep- tember 2007 kann die ,geistliche Tankstelle‘ übrigens auch im Internet verfolgt werden. Dort ist sie auf MP3-Dateien abgelegt und kann auf der Seite der Erzabtei heruntergeladen werden. Viele Menschen greifen auf diese Datei zurück. Ich hatte sogar eine Rückmeldung zur Jugendvesper aus dem Iran.“ So viele Teilnehmer – ist das zu schaffen? P. Wolfgang: „Meistens schon, aber nicht immer. Wegen Überfüllung der Kirche mussten wir zweimal in den 25 Jahren an die 100 bis 200 Menschen wieder nach Hause schicken.“ Kommen die Jugendlichen hauptsächlich aus dem Umkreis von St. Ottilien oder reisen sie auch aus entfernteren Regionen an? P. Wolfgang: „Die Menschen kommen aus der näheren Umgebung, aber auch aus dem Allgäu, dem Oberland, dem Donautal und der Gegend um München. Letzten Mai waren zwölf Busse mit Firmlingen aus allen Teilen unserer Diözese für die Jugendvesper angereist. Interessant ist dabei, dass die Jugendvesper weitgehend nur durch Mundpropaganda bekannt wurde. Dies ist durch eine Umfrage im Mai 2007 deutlich geworden.“ Welche Rolle spielt die Musik in der Jugendvesper? Werden bestimmte Lieder besonders gern gesungen? P. Wolfgang: „Wer singt, betet doppelt. So schreibt es der Hl. Augustinus. Die Musik ist das tragende Element in der Jugendvesper. Die Besucher der Vesper sind keine Zuhörer, sondern können lautstark in vielstimmige Gesänge einstimmen. Es ist oft wie ein großer Chor. Durch die Lieder und die Musik kann der Funke für einen froh machenden Glauben überspringen. Die Lieder werden auch immer wieder mit einer Bewegung verbunden. Und das Tolle ist einfach, dass alle mit dabei sind. Bestimmte Lieder haben sich schon zu so genannten ,Rennern‘ entwickelt, so zum Beispiel ,O Happy Day‘ oder ,Deep in my Soul‘“. Nimmt die Musik auch in Ihrem Leben eine besondere Rolle ein? P. Wolfgang: „Ich selbst bezeichne mich als Spielmann Gottes. Viele Menschen, die in unser Exerzitienhaus nach St. Ottilien kommen, sagen: ,Das ist doch der Pater mit der Gitarre.‘ Musik öffnet die Herzen der Menschen. Die Herzen der Menschen für Gott zu öffnen, entspricht zutiefst meiner Berufung als Priester. Nicht nur mit der Gitarre zu spielen, sondern das, was ich im Herzen spüre, mit den Tönen zu verbinden. Vielleicht ist das mein Charisma, das mir der liebe Gott geschenkt hat.“ Was betrachten Sie neben der Musik als besonders wichtige Elemente der Jugendvesper? P. Wolfgang: „Die Themen und die Predigt sind sehr wichtig. Es lag mir immer am Herzen, auch von meinem eigenen Glauben zu sprechen. Ansprechende Themen zu wählen und die Predigt anschaulich zu gestalten, hilft den Teilnehmern, gut dabei zu sein. So verwandelten wir einmal die ganze Klosterkirche in einen Sternenhimmel und versuchten, uns in Abraham hineinzuversetzen.“ Weg von starren Vorgaben? P. Wolfgang: „Größtenteils ja. Ein wesentlicher Punkt ist wahrscheinlich auch die lockere Atmosphäre. Es darf getanzt und gelacht werden. Einmal sagte mir ein Jugendlicher: ,Diese Gemeinschaft stärkt mich für meinen Glauben.‘ So manche Träne zeigte sich bei mir, wenn die Jugendlichen im abgedunkelten Raum ihre Fürbitten an Gott richteten. Die Klosterkirche wurde auch immer zu einem Raum für Menschen, die sich eigentlich nicht mehr in der katholischen Kirche bewegen. Inzwischen sind die jüngsten Teilnehmer sechs und die ältesten 80 Jahre alt. Anfang des Jahres haben Sie eine neue Aufgabe übernommen, die Leitung der Bildungsstätte der Missionsbenediktiner auf dem Jakobsberg bei Bingen am Rhein. Fällt es Ihnen schwer, jetzt ohne Jugendvesper zu leben? P. Wolfgang: „Die Jugendvesper gehört wesentlich zu meinem Leben, sie ist mein ,Kind‘. Es ist wichtig, gerade nach so einer langen Zeit auch das Zepter abzugeben, das ,Kind‘ loszulassen. Das geistliche Event ist jetzt in den Händen von drei Mitbrüdern.“ Vielen Dank für das Gespräch. Die Jugendvesper findet jeden ersten Freitag im Monat in der Klosterkirche der Erzabtei St. Ottilien statt. Beginn ist um 19.30 Uhr.

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