Die Skelette im Kasten – "Die Flucht" – Stehende Ovationen für die fesselnde Eigeninszenierung im Stadttheater

Solche Szenen hat das Landsberger Stadttheater lange nicht erlebt: Bravo-Rufe, Standing Ovations und ein nicht enden wollender Applaus. Dies war die Anerkennung des Premieren-Publikums für eine mutige und fesselnde Inszenierung des scheidenden Theaterleiters Alexander Netschajew und eine überragende schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Ralf Weikinger.

„Wozu sind Skelette im Kasten? Damit sie niemand sieht!“ Doch eines Abends hat sich das Skelett im Kasten des Komikers Karl Anton Winter (Weikinger) aus seinem Versteck herausgeschlichen und sich mitten ins Publikum gesetzt: in ein Publikum, das erwartet, mit Winters „One Man Show“ einen amüsanten Abend zu verbringen. Doch der routinierte Mime versagt, er flüchtet aus der laufenden Vorstellung, um mitten in der Nacht auf die leere Bühne zurückzukehren und sich den quälenden Stationen seiner Vergangenheit zu stellen. In einer Mischung aus Erzählung und Spielszenen erlebt der Zuschauer, wie der „halbjüdische“ Komiker – ein alter Ego des Autors Ernst Waldbrunn – die Kriegsjahre überlebt hat, teilt seine Ängste und sein Entsetzen über den alltäglichen Horror. Wie in einem „Danse Macabre“ tauchen Figuren in seiner Erinnerung auf: der Intendant des Theaters in Komotau, wo Winter mit Sondergenehmigung spielte, die Freundin Christine (Nicole Oehmig), der Hitlerjunge Franzl, die Postbeamtin Fräulein Hönigschmid und nicht zuletzt der Gauleiter Dr. Krantz, der „Bluthund von Polen“, dessen Protektion Winter später „genießt“. Und diese Szenen schöpfen aus dem ganzen Spektrum der Gefühle: charmante Komik in Winters Rolle als Portier, bittere Ironie, Hilflosigkeit angesichts der Verblendung der Jugendlichen wie in der Szene mit Hitlerjunge Franzl (Tobias Ulrich), der rührenden Szene mit der Posthalterin – wunderbar interpretiert von der 90-jährigen Ursula Traun. Und als der Gauleiter (Thomas Kollhoff) seine Gräueltaten rechtfertigt –„Das sind keine Menschen“ –, scheint eine eiskalte Brise durch den Saal zu wehen. Eine Gratwanderung zwischen Horror und Groteske, brillant gespielt, ist die Szene, in denen der betrunkene Gauleiter und Winter eine Heine-Romanze rezitieren. Ralf Weikinger gelingt es, das Publikum während der ganzen Zeit über in seinen Bann zu ziehen, eine Spannung aufzubauen, die kein einziges Mal nachlässt. Man möchte in die Rolle des Hausmeister Schmiedinger (Konstantin Moreth) schlüpfen, ihn fragen, ihn beruhigen, ihm helfen bei seiner quälenden Frage „Bin ich schuld, weil ich mein Leben gerettet habe, stehe ich in der Schuld eines Mörders?“ Alexander Netschajews Inszenierung ist bewusst minimalistisch, kein Bühnenbild, die leere Bühne ist zum Teil nur mit dem „normalen“ Arbeitslicht beleuchtet, die Szenen bauen sich durch Wortkulissen. Dadurch entfaltet sich eine Atmosphäre von besonderer Intensität, eine Konzentration auf die Charak- tere. Ein Risiko, natürlich, aber nicht mit diesem Ensemble und diesem Regisseur. Das Wagnis Eigeninszenierung ist gelungen, wie das Premierenpublikum – darunter die eigens aus Wien angereiste Co-Auto- rin des Stücks, Lida Winiewicz – mit langem, sehr langem und begeisterten Beifall bestätigte. Weitere Aufführungstermine sind am 13., 15., 21. und 22. November. Eintrittskarten sind im Vorverkauf beim KREISBOTEN erhältlich.

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