Caligula auf Ritalin

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Er wütet gegen die Welt: Der Passauer Kabarettist Sigi Zimmerschied begeisterte am Sonntagabend das Publikum im Stadttheater.

Landsberg – Der Inn gurgelt, das Hochwasser kommt, der Pegel steigt. Sigi Zimmerschieds Auftritt im Landsberger Stadttheater spült alles weg, was nicht niet- und nagelfest ist: die Kirche, die Politik und ja, auch den Österreicher. Das Programm „Tendenz steigend“ ist ein Rundumschlag, der leise und wohlwollend beginnt und auch so endet. Doch in der Mitte gibt es Zimmerschied pur: Laut und böse kredenzt der Passauer Kabarettist dem ausverkauften Haus, was ihm in dieser nicht ganz so friedlichen Welt gründlich missfällt.

Einen „Hochwassermonolog“ nennt Zimmerschied sein Programm, zu dem er leise „Froh zu sein bedarf es wenig“-singend die Bühne betritt. Zwischenmeldungen über die aktuellen Pegelstände des Inn: im Moment langsam steigend. Zimmerschied ist gewillt, die Welt durch die rosa Brille zu betrachten, befindet er sich doch im Versöhnungskoller. Schon allein das Alphabet gebe Anlass zur Freude, „26 Wunder gegen die Einsamkeit“. Und die herrlichen Vokale! Im i-Rausch werde sogar ein Kirchenmann „zum Sonnenaufgang unter Ratzingers Schotterhügeln“, denn was gebe es Schöneres als den „librizindin Wihbischif“.

Doch das mit dem Freundlichsein klappt nicht. Zimmerschieds kabarettistisches Blut kommt leicht in Wallung, so bei „metaphysischen Haltegriffen“, die nicht zum Festhalten und damit Unsinn seien wie Pegida oder der fränkische Fasching. Beim Österreicher natürlich, den der 63-jährige Kabarettist in chauvinistischer Manier auch gerne mal als „vorzeitigen Samen­erguss in der Schöpfungsgeschichte“ betitelt. Aber herrje! Er wolle doch nett sein. Friedlich. Auch hat er 2011 den Österreichischen Kabarettpreis bekommen. Aber wie soll das gehen, nett? Denn ganz unerträglich sind offensichtlich Comedians. Und Menschen mit Apps. Über 30 auf dem Handy, dann komme man in Dummheit und Unmenschlichkeit dem „nordkoreanischen Pudelkopf“ nah. Aber über 50, „da sind wir schon bei Mehdorn, bei sittlicher Demenz. Die Welt ist eine Aktie und alles was steigt ist gut.“

Da ist Nelson Elton Maria, missratender Sohn lesbischer Eltern. Was der mit den Spaghetti im Restaurant macht, ähnele Nitsch-Kunst: „Einfach das Tischtuch einpacken und verkaufen.“ Nicht zu vergessen Caligula, der rumänische Straßenhund der Familie, verzogen und dement. Nelson Elton Maria hat ihm das ganze Ritalin verfüttert. Inkontinent ist der Hund auch noch, welch Schlamassel. Keine Zeit, den Hochwasseropfern zu helfen. Der Pegel steigt rasant, erste Menschen werden evakuiert. Die Verwandtschaft hat gesagt, sie hilft. Beim nächsten Mal.

Das Amt wolle ja helfen. Doch wer sitzt da? Der Beamte, der wegen Hochwassers nicht aufs Gymnasium ging: „Alle Wege ins Humanistische sind überschwemmt. Gerätst du in Beamtenhand, dann gnade dir Gott, lieb Vaterland.“ Keine Hilfe naht. Ein Kanapee schwimmt vorbei, hinter ihm Seehofer. Zimmerschied schwitzt. Die Situation spitzt sich zu, die Pegel steigen, zum aus der Haut fahren – und das macht auch Zimmerschied: Er spuckt und brabbelt, verrenkt sich, zuckt, gibt alles. Bis endlich die erlösende Meldung kommt: „Tendenz fallend.“ Das Wasser geht zurück. Ruhe kehrt ein, Zimmerschied schließt Frieden. Wenn Nelson Elton Maria nicht spricht, kann er ja Comedian werden. „Froh zu sein bedarf es wenig.“

Heftig wie immer war das, was das preisgekrönte bayerische Kabaretturgestein bot. So heftig, dass der eine oder andere nach der Pause nicht mehr auftauchte. Der Rest füllte den Saal immer noch mit Leichtigkeit. Und schenkte dem Künstler rauschenden Beifall.

Susanne Greiner

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