Stab der Erinnerung weitergeben – "Hain der 30000"

Der Platz vor dem Bahnhof war voll. Viele, auch nicht geladene Gäste waren an diesem Sonntag gekommen, um der feierlichen Einweihung des Mahnmals der KZ-Gedenkstätte Kaufering beizuwohnen. Der Verein „Gedenken in Kaufering“ mit seinem 1. Vorsitzenden Norbert Sepp, 1. Bürgermeister Dr. Klaus Bühler und der Stifter der Bronzeplastik von Prof. Hubertus von Pilgrim, Dr. Friedrich Schreiber, hatten dafür zu einem Drei-Stunden-Programm eingeladen. Mit dabei: Überlebende des Holocaust, die sich vor allem von den Rezitationen aus Häftlingsbiografien tief bewegt zeigten.

„Wir ehemaligen Häftlinge brauchen keine Mahnmale. Uns hat sich das Geschehene tief eingegraben.“ Max Mannheimer, der die KZ-Lager Theresienstadt, Auschwitz und Mühldorf überlebt hatte und Vizepräsident des Comité International de Dachau ist, vergaß aber nicht, ebenso darauf hinzuweisen, dass sich die Überlebenden des Holocaust verpflichtet fühlen zu erinnern und dass dieses Erinnern zu einer Mahnung werden soll. Wie sehr die Erinnerung in ihnen weiterlebt zeigten Uri Chanoch, Zwi Katz und Chaim Melech in ihren kurzen Ansprachen. Allerdings sprachen sie auch die Fragen an, die ihnen bis heute noch keiner beantwortet hat. Was haben die Menschen gedacht, vor deren Augen sich diese Unmenschlichkeiten abspielten? Und Chaim Melech fragt sich immer noch, was aus seiner Mutter und seiner Schwester geworden ist, die man während des Transports von Litauen nach Kaufering „aussortiert“ hatte. Bald werde es keine Überlebenden mehr geben und darum sei es so wichtig nicht zu vergessen. Den großen Bogen von den Geschehnissen von vor knapp 65 Jahren, als am 18. Juni 1944 der erste Transport mit Häftlingen in Kaufering eintraf, über die folgende Generation bis hin zu den Jungen, für die Holocaust, KZ, Drittes Reich vielleicht nur noch ein Datum der Geschichte ist, schlug Kauferings Bürgermeister Dr. Klaus Bühler. „Wir sind es den Opfern schuldig“, dass sich keiner aus der Verantwortung wegstiehlt. Darum gebe es kein Aufhören für das Erinnern. In den letzten zehn Monaten des Dritten Reiches seien rund 30000 Häftlinge in die elf KZ-Lagern des „Kommandos Kaufering“ eingeliefert worden. Für „bis zu 20000“ von ihnen, so steht es auf dem Mahnmal vor dem Bahnhof, dem „Hain der 30000“, hatten die Folgen aus „unmenschlicher Zwangsarbeit“, Hunger, Seu- chen, Todesmärsche oder das Gas von Auschwitz in den sicheren Tod geführt. Bühler sprach sich jedoch indirekt gegen den oft verwendeten Begriff der „Kollektivschuld“ aus. Er zitierte den ehemaligen KZ-Häftling und Psychotherapeuten Viktor Frankl, nach dem es nur eine „persönliche Schuld“ gebe. Was zählt sei, „was wir tun“. So sieht das Kauferinger Gemeindeoberhaupt dieses Mahnmal als eines von vielen kleinen Schritten, die das Nachdenken fördern und Zwischenziele sein sollen gegen das Vergessen. Dr. Friedrich Schreiber, einstiger ARD-Korrespondent für den Nahen Osten und Stifter der Bronzeplastik, habe, nach seinen Worten, die Gemeinde Kaufering gebeten, solch ein Mahnmal für alle Häftlinge in Kaufering aufstellen zu dürfen. Daneben solle es jedoch auch den Überlebenden gewidmet sein und vor allem der Jugend, die er aufforderte, den „Stab der Erinnerung von uns Älteren“ zu übernehmen. Der heute 77-Jährige sieht das Mahnmal auf dem Bahnhofsvorplatz in der Reihe der inzwischen 24 von Bildhauer Pilgrim geschaffenen Skulpturen, die in den Gemeinden aufgestellt sind, durch die einst die Todesmärsche führten. Am Ende kamen noch zwei zu Wort, die diesen „Stab“ nun übernehmen sollen: Carolina Buck und Tobias Engelhart, Schüler aus Kaufbeuren und vom Rhabanus-Maurus-Gymnasium in St. Ottilien, machten deutlich, dass sie vor allem die Nähe, das Geschehen vor Ort, betroffen machte. Ändern können sie es nicht mehr und wollen darum nicht „in Fassungslosigkeit erstarren“. Das Versprechen aber geben sie gerne ab, dass man die Würde des Menschen überall in der Welt stärken und um den Fortbestand der Demokratie willen dieses Gedenken hochhalten wolle. Vor und nach der Enthüllung des Mahnmals, das von Pfarrern beider Konfessionen gesegnet wurde, und nach einem Gebet von Rabbiner Dr. Tomas Kucera, begleiteten „Gesänge aus dem Ghetto“ mit Roswitha Dasch und Ulrich Raue die Feier. „Stimmen Kauferinger Häftlinge“, Lesungen aus deren Biografien, von Schülerinnen des Mariengymnasiums Kaufbeuren vorgetra- gen, waren dann für einige der Zeitzeugen fast an der Grenze des Erträglichen.

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