Von Standfestigkeit und Starrheit

Er will die Brutalität des Menschen zeigen, seine Verletzlichkeit und auch seine Vergänglichkeit. Andreas Kuhnlein, international renommierter Holzbildhauer aus Unterwössen im Chiemgau, liebt das schnelle, laute, harte Arbeiten mit der Kettensäge. Er gestaltet monumentale Figuren aus sturmgefällten oder toten Baum­stämmen, Figuren, die grob wirken, aber filigran sind und den Betrachter kaum loslassen. Noch bis Ende Oktober ist Kuhnleins Ausstellung „Menschenbilder“ in St. Ottilien zu sehen.

Bei der gut besuchten Vernissage überließ es Kuhnlein dem Ottilianer Prior Pater Claudius Bals und dem ehemaligen Kunstminister Thomas Goppel, sein Werk am Rednerpult zu interpretieren. Der Künstler selbst, zugänglich und bodenständig, mischte sich lieber unters Volk. „Haben Sie Fragen? Jetzt bin ich da“, ermunterte er den Besucher, mit ihm ins Gespräch zu kommen, und erzählte bereitwillig aus seinem Künstleralltag. „Am besten bin ich, wenn ich mich g'scheit geärgert habe. Je mehr der Kopf dabei ist, desto schwächer werden meine Arbeiten.“ Der 57-Jährige verwendet ausschließlich Hartholz, Ulme, Esche, Eiche. „Ich brauche den Widerstand. Der erzeugt eine gesunde Aggressivität.“ Mit kräftigen, mutigen Schnitten zerklüftet Kuhnlein das, was zuvor ein Holzblock war. Der starre Klotz wird durchsichtig, wirkt fast zerbrechlich. Ein impressionistisches Spiel von Licht und Schatten überzieht die Oberfläche der Figuren. Mit dieser Technik gestaltete Kuhnlein unter anderem die Frauenfigur, die im Foyer des Exerzitienhauses zu sehen ist, und den leeren Kopf, der den bezeichnenden Titel trägt, „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Von besonderer Aktualität ist die Figurengruppe „Einzug der Bischöfe“, zwölf Bischofsgestalten auf dem Weg zur Kaiserkrönung Ottos des Großen. Sie stehen auf dem Rasen vor dem Exerzitienhaus und überstanden gleich am ersten Abend nach ihrer Ankunft einen gewaltigen Gewitterregen. „Da wurde es den Bischöfen ganz schön nass, wie in der aktuellen Situation ja auch“, so Pater Claudius. Kuhnlein hat die Figuren ganz bewusst weniger zerklüftet als er es sonst tut. „Mitren und Ornate sind glatt, um die Standfestigkeit, aber auch die Starrheit der Institution Kirche darzustellen“, erklärt er. Die Figuren wirken, als würden sie von ihren Gewändern fast erdrückt, ihre Hände umklammern die Bischofsstäbe. „Dieses Festhalten an der Macht auf der einen und die Vergänglichkeit auf der anderen Seite, das ist ein großes Thema für mich“, sagt Kuhnlein. Der 57-Jährige arbeitet mit einem natürlichen Material, das er als gelernter Schreiner in jeder Faser kennt. Trotzdem erlebt er zuweilen Überraschungen, die selbst ihn sprachlos machen. Für „Die bedrohte Familie“ gestaltete er aus dem Kern eines Ulmenstammes eine Säuglingsfigur, die zwischen einem sprachlosen, zerstrittenen Elternpaar am Boden liegt. Kernholz ist typischerweise nicht mehr aktiv, doch als Kuhn­lein Wochen später seine Figuren betrachtete, verlief ein glatter, senkrechter Riss durch die Kindergestalt. „Es war genau das passiert, was ich ausdrücken wollte, aber niemals selbst hätte herbeiführen können.“

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