Demokratie leben

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Wie lebt man Demokratie? Dieser Frage will man sich an der Sudbury Schule Ammersee gemeinsam mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen mit Workshops annähern.

Ludenhausen – In einer israelisch-deutschen Kooperation wurde eine deutschlandweit neue Art von Workshops entwickelt: Ganz praktisch werden jugendliche Flüchtlinge bei ihrem Weg in die Demokratie begleitet. Ende Juni war Startschuss fiel vor Kurzem an der Sudbury Schule Ammersee in Ludenhausen.

Die Jugendlichen, die im großen Versammlungsraum der Sud­bury Schule Ammersee in Ludenhausen zusammengekommen sind, haben in ihrem bisherigen Leben vor allem erfahren, was Demokratie nicht ist. „In meiner Heimat ist der Präsident seit 25 Jahren an der Macht, ohne dass er gewählt wurde“, erzählt ein Jugendlicher aus Eritrea. „Ich war dreimal in der 9.Klasse, obwohl ich nicht dumm bin. Nur, wer Geld hat, kann bei uns einen Schulabschluss machen“, sagt ein anderer aus Syrien. Die meisten der 17 Jugendlichen aus Eritrea, Afghanistan, Irak, Syrien, Somalia und Gambia, allesamt minderjährig und ohne Familie in Deutschland, sind geflohen, weil sie Gerechtigkeit und Freiheit erfahren und in Sicherheit leben wollen.

Mit den Demokratie-Workshops, die in dieser Form wohl einmalig in Deutschland sind, sollen sie unterstützt werden, Demokratie ganz praktisch zu leben. Die ursprüngliche Idee dazu hatte Dr. Dan Shaham, Generalkonsul des Staates Israel, der sagt: „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Prozess.“ Sein Wunsch ist es, die Werte, nach denen Deutsche und Israelis leben, auch mit jugendlichen Flüchtlingen teilen zu können.

Im Herbst stellte der Generalkonsul Vertretern der Sudbury Schule seinen Plan vor. Sie erschienen ihm prädestiniert dafür, diesen umzusetzen. Die Sudbury Schule gehört zu den sogenannten demokratischen Schulen: Kinder und Jugendliche entscheiden hier selbst, was und wie sie lernen. Außerdem treffen sie alle Entscheidungen gleichberechtigt mit den Mitarbeitern. Demokratie ist hier täglich gelebte Praxis.

Bald waren als weitere Mitstreiter Landrat Thomas Eichinger und Erich Schöpflin, Leiter des SOS-Kinderdorfs Dießen, das sämtliche unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge des Landkreises betreut, gefunden. Man einigte sich schnell und mit Enthusiasmus. Jetzt wurden die Workshops bei bestem Sommerwetter im Garten der Schule mit einer kleinen Feier eröffnet. Auch Mitarbeiter der Sudbury Schule Jerusalem, Shoshana und Naftali Sappir, waren gekommen, um die Workshops zu begleiten. Erich Schöpflin betonte, dass dieser Schulterschluss bereits die erste Botschaft sei: „Integration bedeutet Vernetzung, viele müssen dazu beitragen, damit sie gelingt!“

Generalkonsul Dan Shaham berichtete aus seiner eigenen Geschichte, von seinen Eltern, die aus Marokko nach Israel geflohen waren. Er nannte die Jugendlichen Freunde aus aller Welt. Shaham freute sich, dass die Sudbury Schule Ammersee in Zusammenarbeit mit der Sud­bury Schule Jerusalem Vorreiter des Demokratie-Programms ist. Landrat Eichinger erklärte frei nach Churchill, dass Demokratie unter allen Staatsformen immer noch die beste sei. Unterschiedliche Meinungen dürften sein, es komme darauf an, diese auszuhalten. „Insofern könnten wir alle solche Workshops gebrauchen.“

Gleich am ersten Workshoptag war spürbar: Die Jugendlichen, die gemeinsam in einer Wohngruppe in Kaufering leben, wollen lernen, wollen ankommen, wollen beitragen. Viel wurde über Werte und Bedürfnisse gesprochen, über Freiheit und Grenzen.

Sudbury-Mitarbeiterin Gerlinde Rüdinger-Wagner, die den Workshop gemeinsam mit ihrem Kollegen Alexander Wiedemann leitete, betonte: „Ich finde wichtig, dass den Jugendlichen bewusst ist, wieviel sie an Kompetenz, Wissen und Erfahrung schon mitbringen. Da ist so viel da!“

Für die Mitarbeiterin der Sud­bury Schule ist Vertrauen die Basis von Demokratie. „Wenn jeder sein darf, wie er ist, mit seiner Einzigartigkeit und seiner Geschichte, dann entsteht Gemeinschaft und gegenseitige Bereicherung.“

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