Der Ghetto Swinger

Halb Weihnachtsbaum, halb Chanukka-Leuchter

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Helen Schneider, Konstantin Moreth (2. v. rechts) und das Ensemble der Hamburger Kammerspiele intonierten im Stadttheater Landsberg überzeugend real das Leben des Musikers Coco Schumann.

Landsberg – Schon länger habe er das Stück über den Jazz-Musiker Coco Schumann im Auge, erzählt Theaterleiter Florian Werner – und es hat sich gelohnt: Die Hamburger Kammerspiele ernteten stürmischen Applaus im vollbesetzten Stadttheater. Haupt- darsteller Konstantin Moreth, in Landsberg mit der Moreth Company bekannt, war einer der lokalen Bezugspunkte des Stücks. In Schumanns Biographie selbst liegt eine weitere Verbindung: Der Musiker war kurz vor Kriegsende im KZ-Außenlager Kaufering/Landsberg interniert.

Das Stück von Kai Ivo Baulitz in der Regie von Gil Mehmert schafft die Balance zwischen unterhaltsamem Musiktheater und ergreifender Biographie. Dominiert im ersten Teil die noch nahezu unbekümmerte Stimmung der Berliner Vorkriegsjahre, macht der zweite Teil eine Kehrtwende: Schumanns Internierung in Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Kaufering zeigen, wie Schumann überleben konnte: Die Musik ist das Wunder, das sein Leben rettet.

Geboren wird Schumann als Sohn einer Jüdin und eines Christen 1924 in Berlin: „Du bist halb Weihnachtsbaum, halb Chanukka-Leuchter“, beschreibt Cocos Mutter, gespielt von Helen Schneider. Schneider führt auch als Erzählerin und Sängerin durch Schumanns Leben, schlüpft neben der Mutter auch in diverse andere Rollen. Ebenso sind die anderen Ensemblemitglieder Musiker und Schauspieler zugleich: Mehmerts Kunstgriff, um Erzählung, Musik und Theaterspiel zu verbinden. Die einstige Rocksängerin Schneider meistert ihre Aufgabe als Chanteuse und Schauspielerin, auch wenn die Singstimme manchmal voller sein könnte.

Schumann lernt Schlagzeug und Gitarre und hat schon als Jugendlicher die Chance, in den Berliner Bars zu spielen. Seine Musik ist der Swing, schon bald von den Nationalsozialisten als „Nigger-Musik“ verboten. Konstantin Moreth spielt den jugendlichen Schumann überzeugend mit der nötigen Naivität eines Menschen, der nicht wahrhaben will, was um ihn herum geschieht. Mit einer falschen Identität gelingt es Schumann vorerst, nicht verhaftet zu werden. Moreth berlinert drauf los, wenn er bei einer Kontrolle seine Papiere zeigen soll, gibt an anderer Stelle offen zu, „Halbjude“ zu sein, so dreist, dass es als Witz aufgefasst wird. 1943 wird Schumann jedoch gefasst und ins Vorzeigeghetto Theresienstadt deportiert, mit dem die Nationalsozialisten im Ausland den Eindruck vermitteln wollten, Juden würden human behandelt. So durfte dort ausdrücklich Jazz gespielt werden und Coco wird Mitglied der „Ghetto Swingers“.

Lange Stille

Moreths Spiel wandelt sich komplett: Der Zuschauer fühlt seine Ohnmacht, denn „Schumann fragt nicht mehr. Er träumt die Toten weg, er träumt vom Kuchenbacken.“ Als er nach Auschwitz-Birkenau deportiert wird, steht der Waggon 22 Tage in Sachsenhausen, erzählt Schneider – darauf folgt eine lange Stille, in der das Publikum förmlich den Atem anhält. Besser kann Ohnmacht nicht gezeigt werden. Auch das schlichte Bühnenbild lässt dem Zuschauer Platz für Assoziationen. Ein Vorhang, drei große Tische und zwei Schemel reichen: Begleitet von schleifenden Geigentönen wird ein Tisch nach vorne gezogen – Schauspiel und Musik werden zu beängstigender Realität.

In Auschwitz-Birkenau gehört Schumann zu den Musikern, die bei der Selektion der ankommenden Deportierten Märsche vorspielen oder vor den Lagerältesten das Lieblingslied der SS, „La Paloma“, intonieren müssen, während diese in Kleidern der am Morgen vergasten Häftlinge Schampus trinken.

Schumann überlebt. Im April 1945 wird er auf seinem Todesmarsch von amerikanischen Soldaten befreit. Der inzwischen 91-jährige Musiker Coco Schumann war bei der Uraufführung des Ghetto Swinger vor drei Jahren in den Hamburger Kammerspielen anwesend und bedankte sich für die Inszenierung seines Lebens.

Susanne Greiner

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