Hitlers Friseur

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Hitler zeigt Schlomo und Lobkowitz seine „Kunst“: Jörg Vogel als Hitler (Mitte), Teo Vadersen als Schlomo (links) und Andreas Hueck als Lobkowitz (rechts) brillierten in Taboris Farce „Mein Kampf“.

Landsberg – „Immer spielt ihr und scherzt? Ihr müsst! O Freunde! Mir geht dies in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.“ Das Zitat von Hölderlin stellte George Tabori seiner Farce „Mein Kampf“ voraus. Tabori verwendet in seinem Stück den Witz und das Groteske als Mittel, um über die Shoa zu sprechen: Der 1914 in Budapest geborene jüdische Autor verlor seinen Vater und weitere Verwandte im KZ Auschwitz. In seinem 1987 in Wien uraufgeführten Stück spielt und scherzt er konsequent und bricht bewusst jegliches Tabu.

Im Stadttheater Landsberg nahm sich das „Poetenpack“ aus Potsdam dem Stück an: Ein junger und vor allem untalentierter Mann namens Adolf Hitler will sich zum Kunststudium in Wien bewerben. Im Männerheim trifft er den jüdischen Philanthropen Schlomo Herzl, der mit dem „kaputten Koscher-Koch“ Lobkowitz befreundet ist. Lobkowitz berät auch bei der Titelfindung des Buches, an dem Schlomo arbeitet. Sie einigen sich auf „Mein Kampf“.

Aber Lobkowitz ist nicht unbedingt ein Freund. Er diktiert Schlomo neue Gebote: „Ein Gott genügt und der bin ich.“ Schlomo darf ihn nur mit „O Herr“ ansprechen, und diesen symbolisiert Lobkowitz auch. Folglich verlässt er Schlomo, sobald der sich aus purer Menschenliebe Hitler andient, denn: „Du hast ein Stück deiner Menschlichkeit verloren, seit du den Hitler bedienst. Pass bloß auf, die Liebe ist lebensgefährlich.“ Andreas Hueck geht in dieser Rolle auf: Er gibt einen Gott, der gerne Witze erzählt, von Schlomo Respekt erwartet – aber eigentlich am Menschen nicht interessiert ist.

Unfähiger Wirrkopf

Zwischen dem ungehobelten „Künstler“ und Herzl entwickelt sich eine seltsame Beziehung, an der Menschenfreund Schlomo trotz Hitlers judenfeindlichem Gewäsch und machthaberischen Verhalten festhält. Er bekocht ihn, wäscht und rasiert ihn. Es ist Schlomo, der Hitler Seitenscheitel und Bart verpasst und ihm nach der gescheiterten Aufnahmeprüfung rät, in die Politik zu gehen. Jörg Vogel spielt den unfähigen Wirrkopf Hitler, ohne zu übertreiben: Nur manchmal kommt das rollende R bei den stets ins Unendliche ausufernden Tiraden und Zitaten aus „Mein Kampf“, die Hitler bei jeder Frage von sich gibt. Auch die Gesten deuten nur an, reichen aber vollkommen aus, um zu überzeugen.

Herzl, der Hitler Reden und Manieren, Weinen, kurzum Menschlichkeit beibringen will, ist das erste Opfer von Hitlers Antisemitismus. Dennoch bittet er Frau Tod, mondän und lasziv von Johanna Lesch gespielt, um Hitlers Leben. Doch Frau Tod will Hitler nicht als Opfer, sondern als Täter. Bevor sie geht, gibt sie Schlomo noch einen Rat für sein Buch: „Bleiben Sie bei dem, was ist, und nicht bei dem, was sein sollte.“ Dass er das nicht kann, zeigt sich im letzten Akt: Hitler sucht manisch nach diesem Buch, da er Enthüllungen über seine Schwächen fürchtet. Er findet es, doch darin steht nur ein Satz: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ Ein Rückgriff auf Schlomos Erzählung über seine Großmutter, die ihn „mit Lügen von Shakespeare in den Schlaf log, und gleichgültig, wie viele Leichen am Ende der Geschichte herumlagen“, jede endete mit diesem Satz.

Erzählen und erinnern

Das Stück „Mein Kampf“ in der Inszenierung des Poetenpacks fordert vom Zuschauer viel: Ein nahezu unveränderliches Bühnenbild, eine sehr sparsame Ausleuchtung und den ungekürzten Text, womit die Schauspieltruppe auf knapp drei Stunden kam. Aber Tabori will erzählen, erinnern und unterhalten. Das gelang am Donnerstagabend zu hundert Prozent. Vor allem auch wegen Teo Vadersens herausragender Leistung als Schlomo: Mit aufgeklebter Nase gibt er den gewitzten und liebevollen Herzl, der Hitlers Hass stur mit Menschlichkeit begegnet.

Am Ende taucht „Gott Lobkowitz“ wieder auf. Er hat Schlomo nicht verlassen, aber dieser hat ihn nicht mehr gesucht. Er zwingt Schlomo zu essen, „für die kommenden Jahre, wenn das Schuhplatteln wieder zum Donnern der Stiefel geworden ist“. Und erzählt ihm einen Witz.

Susanne Greiner

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