Tausende müssten fallen

Ein besorgter Anwohner in der Platanenstraße (Foto) hat den Stein ins Rollen gebracht: Geht von Bäumen über der Erdgasleitung bei einem Orkan Gefahr aus und wer haftet bei einem Gasunfall? Nach zwei Gutachten soll ein drittes diese Frage abschließend beantworten. Foto: Kruse

Droht bei einem Orkan ein Gasunglück in der Platanenstraße durch umstürzende Bäume? Mit ziemlicher Sicherheit nicht. Das hat die Stadt jetzt schriftlich. Nachdem sich ein „besorgter Anwohner“ mehrmals an Erdgas Schwaben gewandt hatte, ließen die Kommune und der Netzbetreiber zwei aufwändige Gutachten anfertigen. Eines davon kommt zu dem Schluss, dass nichts passieren wird, solange die Bäume nicht umfallen. Das zweite bescheinigt, dass die Bäume nicht umfallen werden und lediglich einmal jährlich auf die Standsicherheit überprüft werden sollen – was ohnehin von jeher geschieht. Gleichwohl: Der Stadtrat gab jetzt auf Anregung von Stadtjuristin Petra Mayr-Endhart ein weiteres Gutachten in Auftrag – zur rechtlichen Absicherung.

Das Problem klingt tatsächlich alarmierend. In zahlreichen Straßen in Landsberg wurden die Straßenbäume über den Gasleitungen gepflanzt. Mitte der 80er Jahre wurden die Leitungen nur einen knappen Meter tief eingegraben – eben diese Tiefe erreichen die Wurzeln ohne weiteres. Das Szenario, das der Anwohner daraus gegenüber Stadt und Erdgas Schwaben ableitet: Da wissenschaftlich belegt sei, dass die Wurzeln Leitungen umschlingen und selbst in abgedichtete Lecks eindringen, wäre bei einem Orkan ein größeres Gasunglück nicht auszuschließen. Schwabennetz GmbH und Stadt haben die Bedenken offensichtlich sehr ernst genommen. Ein Baumgutachter wurde bestellt, dazu ein Ingenieur, der die Sicherheit der Leitungen bewerten sollte. Da die Frage aus der Theorie nicht zu beantworten war, wurden an fünf Stellen unter Bäumen in der Platanenstraße „Sichtungsgräben“ ausgehoben, dabei saugte man sogar das Erdreich ab. Es fand sich, dass die Leitungen in der Tat „teilweise um- und auch unterwachsen“ sind. Orkan simuliert Erwächst daraus eine potenzielle Gefahr? Das sollte das zweite Gutachten klären. Dazu wurde an den Bäumen mit erheblicher Kraft gezogen, um einen Orkan zu simulieren. Die Platanen wurden vor und nach der Aktion exakt vermessen. Das Ergebnis der hochkomplexen Überprüfungen präsentierte Landschaftsarchitektin Pia Becker vom Tiefbauamt jetzt dem Stadtrat: „Wurzelverschiebung fmax = 0,143 mm“. Im Klartext: Die Verschiebung von gut einem zehntel Millimeter zeige, dass auch bei einem Orkan „keine unzulässigen Beanspruchungen für die Leitungen entstehen“, so die Schlussfolgerung der Gutachter. Experten halten ein Horrorszenario auf Nachfrage des KREISBOTEN ohnehin für fehl am Platz. Zum einen seien die Leitungen aus Kunststoff und somit „biegeweich“. Zudem würde in modernen Gasnetzen ohnehin bei einem größeren Druckabfall automatisch die Zufuhr abgeschaltet, eine Gasexplosion entstünde daher erfahrungsgemäß nur bei Defek­- ten oder Manipulationen in den Häusern, aber nicht im öffentlichen Netz. Dem Stadtrat wurden dessen ungeachtet von der Verwaltung vier Vorschläge zum Beschluss vorgelegt. Zwei davon sahen vor, die Bäume entweder wie bisher oder jährlich kürzer zurückzuschneiden. Dass aber auch letzteres keine endgültige Sicherheit bietet, beschied Forstamtsleiter Dr. Gerhard Gaudlitz auf Nachfrage: „Es ist völlig unvorhersehbar, was ein Baum im Wurzelbereich tut, wenn ich oben zahlreiche Äste abschneide.“ Die beiden weiteren Beschlussvorschläge sahen vor, die Platanen zu fällen – mit mit und ohne Ausgleichspflanzung. 108 Bäume wären das alleine in der Platanenstraße, im gesamten Stadtgebiet „könnten es mehrere tausend sein, die über Gasleitungen stehen“, wie Susanne Faust von der Rechtsabteilung sagte. Restrisiko abklären Eine flächendeckende Abholzung wollte der Stadtrat dann doch nicht in Auftrag geben und neigte mehrheitlich dazu, die bisherige Baumpflege beizubehalten. Petra Mayr-Endhart warnte dennoch: „Ich weiß, Sie wollen keine Gutachten mehr und ich will Ihnen auch keines aufschwätzen, aber ich empfehle, das Restrisiko abklären zu lassen.“ Dieter Völkel (SPD) unterstützte sie: „Die strafrechtliche Seite ist das eine, aber in einem möglichen Zivilverfahren geht es um andere Summen.“ Nach einstimmigem Beschluss wird die Stadt nun noch prüfen lassen, ob sie rechtlich alles Nötige getan und geprüft hat. Die Kosten für die Gutachten liegen bisher bei rund 4000 Euro, Erdgas Schwaben übernimmt einen Teil davon. Zumindest in einer ähnlichen Frage ist man zu keinen Expertisen und Diskussionen bereit. Mehrere Bürger beschweren sich seit Jahren über das Laub, den Schatten, „Früchte, die Autos verschmutzen“ und andere Beeinträchtigungen durch städtische Straßenbäume. Das, so der Stadtrat ebenfalls einstimmig, sei in Übereinstimmung mit geltender Rechtslage „im Sinne der Allgemeinheit und der Umwelt hinzunehmen“. Indes: Dass Theorie und Praxis in Einzelfällen auseinander driften, das zeigte sich vor Jahren in der Lena-Christ-Straße. Dort hatte ein vom Laub genervter Anwohner die Fällung städtischer Platanen beantragt, der Bauausschuss des Stadtrates wollte keinen Präzedenzfall schaffen, lehnte ab und wenig später waren zwei Bäume gefällt – von wem auch immer.

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