"Nie wieder Ameise sein"

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Nach knapp 30 Jahren treffen sie sich zufällig im Morgenzug nach Paris wieder: Annette Wunsch als Cécile und Gian Rupf als Philippe in der Theaterfassung von Philippe Blondels Roman

Landsberg – Cécile hat das Wochenende bei ihren Eltern verbracht. Jetzt sitzt sie erschöpft im Montagmorgenzug um 6 Uhr 41 von Troyes nach Paris. Der Zug ist voll, nur der Platz neben ihr noch frei. Und ausgerechnet er setzt sich dort hin: Philippe, der Mann, mit dem sie vor knapp 30 Jahren eine kurze Liebesgeschichte hatte. Beide erkennen den anderen, aber keiner macht den ersten Schritt. Die Fahrt dauert eineinhalb Stunden. Genug Zeit für jeden, sich an damals zu erinnern. Und so erzählen sie in fiktiven Dialogen dem Publikum über die damalige Liebschaft. Und über das, was vielleicht nach dieser Zugfahrt geschehen könnte.

Das ganze Stück „6 Uhr 41“ spielt in diesem Zugabteil. Annette Wunsch und Gian Rupf schlüpfen als Cécile und Philippe in die Rolle der adretten Geschäftsfrau und in die des leicht verwahrlosten Durchschnittsmannes. Sie wenden sich schnell ab, sollte ein zufälliger Augenkontakt entstehen, schielen zum anderen, um ihn zu beobachten und erzeugen eine nahezu greifbare Unentspanntheit. Die einerseits selbstbewusste, andererseits unsichere Cécile nimmt man Wunsch sofort ab. Rupf hingegen wirkt ein wenig bemüht: Der Schauspieler scheint nie so ganz hinter der Rolle zu verschwinden, weshalb dieser Philippe immer etwas künstlich wirkt.

Langsam enthüllen beide, was damals geschah: Er war für sie die große Liebe, sie für ihn „nichts Großes, nur eine Ameise.“ Cécile hat das unrühmliche Ende der Affäre bis heute nicht vergessen: Auf einer gemeinsamen Londonreise herrscht bei Philippe statt Romantik nur Überdruss: Im Doppeldeckerbus nervt ihn der Anblick ihres Knies so sehr, dass er beschließt: „Wir müssen Schluss machen.“ Er bändelt mit einer Engländerin an: „In manchen Situationen ist man mit zwanzig echt überfordert.“ Damals hat Cécile entschieden, „nie wieder Ameise zu sein.“ Jetzt ist sie eine erfolgreiche und attraktive Geschäftsfrau mit Trolley, schicker Handtasche und Kostüm. Ihr Mann respektiert, oder besser: fürchtet sie. Verliebt ist sie schon lange nicht mehr. Aus Philippe und der Engländerin ist nichts geworden. Dann kam der Job, die Ehe, zwei Kinder. Ehrgeiz hatte er nicht. Nun ist er Fachverkäufer für Fernseher und hat einen Bauch. Er wirkt verwahrlost, in der Hand eine Plastiktüte: „Alles was wir tun, ist nichtig. Wer würde es merken, wenn ich tot wäre?“

Es scheint fast ausgeschlossen, dass beide aufeinander zugehen könnten. Doch dann erinnern sie sich an die glücklichen Momente: Als sie zusammen im kleinen Peugeot mit Supertramp durchs Land fuhren. Und an den Sex, der „eigentlich gut war“. Vielleicht war er damals einfach zu jung, denkt Philippe. Vielleicht war sie damals einfach zu unsicher, denkt Cécile. Soll man den anderen ansprechen? „Mir tut alles leid, damals vor 30 Jahren“, bricht Philippe das Schweigen. Sie antwortet mit „Danke“. Ein kurzes Gespräch über Ehe und Kinder, doch schon hält der Zug in Paris. Er fragt, ob sie einen Kaffee trinken gehen wollen. Aber für Cécile „gibt es keinen Grund innezuhalten“, sie will gehen. Doch im letzten Moment dreht sie sich um. Und mit „Niemand weiß, ob das eine gute Idee ist“ endet das Stück im bitter ungewissen Halb-Happy End. Vom Publikum im gut besetzten Theater kam wohlwollender Applaus. Aber mehr nicht.

Die Vorlage für das Stück lieferte der gleichnamige Bestsellerroman von Jean-Philippe Blondel, die Theaterfassung entstand im Teamwork vom Theater Treibgut und der Klibühni Chur. Sicherlich bietet sich ein Roman, der schon wie ein Kammerstück geschrieben ist, fürs Theater an: So zum Beispiel bei der gelungenen Bühnenfassung von Julian Barnes‘ „Darüber Reden“, ebenfalls ein Beziehungsroman, der aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten erzählt wird. Dagegen wirkte „6 Uhr 41“ ein wenig blass und unscheinbar. Das mochte teilweise an Rupfs Spiel liegen. Aber vielleicht auch nur daran, dass die Vorlage besser auf Papier als auf Brettern funktioniert.

Susanne Greiner

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