Tickende Zeitbombe

Strömender Regen und völlig abgefahrene Reifen haben im Juni dieses Jahres einen 13-Jährigen aus Oberbergen das Leben gekostet. Der Bub saß zusammen mit seiner Schwester im Wagen eines befreundeten 19-Jährigen, der die beiden zur Schlossbergschule nach Landsberg bringen wollte. Kurz nach dem Kreisverkehr in Penzing geriet der Wagen ins Schleudern und prallte gegen ein entgegenkom­men­des Fahrzeug. Der Unfallverursacher stand in der vergangenen Woche wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung in drei Fällen vor dem Jugendrichter am Amtsgericht.

Der gelernte Metzger hatte das Auto erst zwei Tage vor dem Unfall gekauft. Weil schon nach einer der ersten Fahrten der rechte Hinterreifen platt war, zog er am Abend des 31. Mai die Sommerreifen des Vorbesitzers auf. „Das Beste waren die nicht mehr“, gab der 19-Jährige vor Gericht zu. „Ehrlich gesagt waren sie Schrott, aber ich habe einfach nicht nachgedacht.“ Tatsächlich hatte keiner der Reifen mehr die erforderliche Profiltiefe von 1,6 Millimeter, einer war sogar bis auf das Stahlgewebe abgefahren. Er habe gleich am nächsten Tag in der Mittagspause in die Werkstatt fahren wollen, beteuerte der Angeklagte. Doch dazu kam es nicht mehr. Am Morgen des 1. Juni fuhr er bei der befreundeten Familie in Oberbergen vorbei, um sein vergessenes Handy abzuholen. So ergab es sich, dass er den 13-Jährigen und seine 16-jährige Schwester im Auto mit nach Landsberg nahm. Kurz nach dem Kreisverkehr in Penzing geriet der BMW des 19-Jährigen auf der regennassen Straße ins Schleudern, was durch ein zu heftiges Gegenlenkmanöver noch verstärkt wurde. Der Wagen drehte sich um die eigene Achse, geriet auf die Gegenfahrbahn und prallte mit der Beifahrerseite gegen das Auto einer 61-Jährigen, die mit ihrer Tochter aus Richtung Landsberg kam. Der 13-Jährige, der hinter der Beifahrerin auf dem Rücksitz saß, erlitt schwerste Verletzungen und starb noch an der Unfallstelle. Die ebenfalls schwer verletzte 16-Jährige musste mit dem Hubschrauber ins Klinikum München-Harlaching gebracht werden. Der Unfallverursacher und die zwei Frauen im anderen Fahrzeug kamen leichtverletzt davon. Keiner der anderen Unfallbeteiligten musste vor Gericht aussagen, denn der 19-Jährige war voll geständig. So blieb der Zeugenstand dem Ermittlungsleiter der Polizei sowie den Kfz-Sachverständigen Dr. Heinrich Sattel und Thomas Wörle vorbehalten. Alle drei waren sich einig: Der BMW hätte mit diesen Reifen und bei diesem Wetter nicht auf die Straße gehört. „Das Auto war eine alte Kiste, überall zusammengeschustert. Die Reifen waren eine Katastrophe“, beschrieb der Polizeibeamte. „Der Angeklagte hätte fahren müssen wie auf rohen Eiern“, erklärte Sattel. Die anfängliche Vermutung der Polizei, dass eine Ölspur auf der Straße den Unfall mitverursacht hatte, stellte sich später als falsch heraus. Für Richter Alexander Kessler war das Auto „eine tickende Zeitbombe auf öffentlichen Straßen“. Gerade da der 19-Jährige in seiner Freizeit gern an Autos herumbastelte, hätte er wissen müssen, dass er so nicht hätte fahren dürfen. Das Urteil fiel dennoch milde aus: 300 Sozialstunden und drei Monate Fahrverbot. Auf die von Staatsanwältin Katja Friedrich geforderten 500 Euro Geldstrafe verzichtete Kessler – wohl, weil der 19-Jährige derzeit arbeitslos ist und keinerlei Einkommen hat. „Eine gerechte Strafe gibt es nicht, denn der Tod des Buben ist durch nichts wieder gutzumachen“, so Kessler. Im Jugendstrafrecht, das in diesem Fall angewendet wurde, stehe nicht die Ahndung sondern der Erziehungsgedanke im Vordergrund.

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