Tischlein, deck’ dich

Nicht immer haben Marlies Klocker (rechts) und ihre Mitstreiter von der Landsberger Tafel so viele Lebensmittel zu verteilen wie an diesem Tag. Foto: Peters

Abends tobt hier das Leben. Doch jetzt, in den frühen Morgenstunden, wirkt das Landsberger Jugendzentrum verwaist. Regen prasselt auf das kastenförmige Gebäude, dessen Konturen langsam durch die Dämmerung dringen. Nur ein Auto steht auf dem matschigen Parkplatz, einsam, als habe es der Besitzer dort am Abend zuvor stehen gelassen. Durch die Glastür am Eingang jedoch dringt Licht aus dem großen Veranstaltungssaal. In dem Raum mit seinen graffitiverzierten Wänden, wo sonst die Musik aus den Boxen röhrt, herrscht an diesem Donnerstagmorgen fast gespenstische Stille. Vor der leeren Bühne bilden abgenutzte Bier­tische ein großes U. In der Mitte stehen eine Frau und ein Mann an einem weiteren Tisch und verpacken Gebäck aus großen Plastikkörben in einzelne Plastiktüten. Am anderen Ende des Raums spricht Marlies Klocker in ihr Mobiltelefon. „Jemand ist ausgefallen, daher musste ich Ersatz besorgen“, erklärt die Vorsitzende der Landsberger Tafel, nachdem sie das Telefonat beendet hat. Jeden Montag und Donnerstag geht das so, es sind die ersten Vorbereitungen auf den Ansturm, der ab 10 Uhr über das Jugendzentrum hereinbrechen wird.

Rund 250 Bedürftige versorgt die Landsberger Tafel zweimal die Woche mit Lebensmitteln, die sie von Supermärkten aus der Umgebung erhält. Es sind Familien, Rentner, Alleinerziehende, Arbeitslose, die zu den Kunden des gemeinnützigen Vereins zählen. Alle haben eines gemeinsam: Ihr monatliches Einkommen liegt unterhalb der Armutsgrenze von 700 Euro. Seit der Verein Berliner Frauen 1993 die erste Tafel ins Leben rief, um vornehmlich die Situation der Obdachlosen zu verbessern, ist die Zahl derartiger Einrichtungen kontinuierlich gestiegen. Über 860 Tafeln gibt es derzeit in Deutschland. Mit rund 50000 Ehrenamtlichen versorgen sie eine Million Bedürftige, meist Hartz-IV-Empfänger. In Landsberg initiierte die Caritas vor fünf Jahren die Einrichtung einer solchen Institution. Angefangen habe alles mit 15 Helfern und einem geliehenen Fahrzeug des Roten Kreuzes, erinnert sich Klocker an den ersten Verteiltag im März 2006. Damals residierte der Verein noch in der Sozialstation Sankt Martin und begrüßte gerade einmal 50 Abholer. Tafel statt in den Müll Mittlerweile ist es kurz nach 8 Uhr und Klocker fährt mit ihrem Auto zur Filiale einer nahegelegenen Supermarktkette. Mit im Wagen sitzt Sabrina, die zum ersten Mal als Helferin eingeteilt ist. Die junge, zierliche Frau mit den blonden Haaren ist eine von vier Ein-Euro-Jobbern, die das Arbeitsamt der Tafel zugewiesen hat. Am Supermarkt angekommen lenkt Klocker ihr Auto direkt zur Laderampe hinter dem Gebäude, wo sonst die Lkw die Waren anliefern. Dort wartet bereits Vanessa Tönnis. Mit ihr soll Sabrina die Lebensmittel sortieren, die der Supermarkt nicht mehr verkauft, weil sie kurz vor dem Verfalldatum stehen oder bereits abgelaufen sind. Einen Transportwagen nach dem anderen schiebt eine Mitarbeiterin des Marktes aus dem Lager auf die zugige Laderampe, vollgepackt mit Essbarem. Die Palette ist reichhaltig: Grüner Salat liegt neben abgepacktem Schinken und Joghurt-Eimern. In der nächsten Kiste türmen sich Schokolade und Fertiggerichte. Sabrina und ihre Kollegin beginnen die Produkte in eigene Kisten zu verpacken. Nur, was bereits mehr als zwei Tage abgelaufen ist, landet in der großen Mülltonne. Mehr als eine halbe Stunde sind die beiden Frauen beschäftigt, die bereit gestellten Kisten reichen an diesem Tag längst nicht aus, um alle Waren unterzubringen. Wenig später kommt der rote VW-Bus, den der Verein mit Spendengeldern angeschafft hat, auf seiner Runde vorbei, um die fertigen Kisten abzutransportieren. Dreimal muss Bernhard Steinmeier, der am Steuer sitzt, an diesem Morgen fahren, bis er alle Lebensmittel bei den verschiedenen Märkten und Geschäften eingesammelt hat. Nicht alles jedoch bekommt die Tafel in ausreichenden Mengen. Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln oder Joghurt müsse man dazu kaufen, erklärt Klocker. Ein Teil des dafür benötigten Geldes komme durch die Bedürftigen selbst herein, die einen Euro pro Erwachsenem für einen Besuch entrichten müssten. „Den Rest sammeln wir durch Spenden und Beiträge.“ Über 100 Mitglieder zählt der Verein mittlerweile, viel Arbeit für die 49-jährige Vorsitzende. Rund 20 Stunden investiert die Mutter von zwei Kindern jede Woche in ihre ehrenamtliche Tätigkeit, allein je acht Stunden entfallen auf die beiden Verteiltage, an denen die Hausfrau Mädchen für alles ist. Das Los entscheidet Emsig schwirrt Klocker zwischen den Biertischen hindurch, auf denen sich mittlerweile so viele Lebensmittel stapeln, dass man damit ohne weiteres einen kleinen Supermarkt ausstatten könnte. Überall herrscht geschäftiges Treiben, die Mitarbeiter leeren die letzten Kisten. Im Vorraum drängeln sich bereits die ersten Kunden, um einen Blick auf das Warenangebot zu erhaschen. Eine dunkelhaarige Frau strickt stoisch vor sich hin, um sich die Zeit zu vertreiben, Kinder tollen durch den ersten Stock des Jugendzentrums, wo mehrere Kicker stehen. Eine Gruppe älterer Herren diskutiert angeregt über den letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga. Plötzlich kommt Bewegung in die Runde, als zwei Mitarbeiterinnen der Tafel an einem Tisch am Eingang Platz nehmen. „Verlosung“, raunt es durch den Raum, blitzschnell entsteht eine Schlange vor dem Eingang. Die Leute sind aufgeregt, gespannte Blicke fokussieren den Sack, der auf dem Tisch liegt. Per Los entscheidet sich, wer sich anschließend als erstes bei den Lebensmitteln bedienen darf. Bewegende Schicksale Die Hände einer alten Frau zittern, als sie in den Sack langt. Zweimal die Woche kommt die 77-Jährige per Bus zur Tafel extra nach Landsberg. Ihr Gesicht ist faltig, hinter sich zieht sie einen kleinen Wagen. Wie bei vielen Rentnern, die zu den Kunden des Vereins zählen, reicht auch ihre niedrige Pension nicht aus, um über den Monat zu kommen. Als sie schließlich den hölzernen Würfel in den Händen hält, lächelt die kleine Frau erleichtert. Nummer 25 steht darauf, sie ist vorne dabei. Andere trifft es weniger gut. Susanne Hippler etwa. Die 46-Jährige gehört mit Nummer 84 zum letzten Drittel. Dennoch ist Hippler zufrieden, darüber, dass es überhaupt so eine Einrichtung gibt. „Ohne die Tafel wäre ich aufgeschmissen“, sagt sie. Die 46-Jährige ist frühpensioniert, seit sie ihre niederschmetternde Diagnose Multiple Sklerose erhielt. Dazu kam die Scheidung von ihrem Mann. Den Tipp zur Tafel zu gehen, erhielt sie von ihrer Bankberaterin. „Sie hat mein Einkommen gesehen und mir geraten, da hin zu gehen.“ Anders als viele der anderen Bedürftigen schämt sich Hippler nicht dafür, auf die Tafel angewiesen zu sein. „Ich stehe dazu. Es ist doch nichts Schlimmes.“ Fast jeder hat hier seine eigene schwere Geschichte zu erzählen, die meisten seien daher sehr dankbar, dass es einen Ort wie die Tafel gebe, sagt Klocker. Natürlich gebe es auch Ausnahmen, Leute, die sich beschweren, wenn sie nicht das bekommen würden, was sie wollen. Einmal, erinnert sich die 49-Jährige, habe ihr eine Kundin vor Wut ihren vollen Sack Lebensmittel vor die Füße geleert und geschworen, nie wieder zu kommen. „Zwei Wochen später war sie wieder da.“ Ohne die Hilfe geht es eben nicht. Zufriedene Gesichter An diesem Donnerstag geht es ruhig zu. Nacheinander holen die Mitarbeiterinnen die Bedürftigen in den großen Raum, führen sie an den aufgebauten Waren entlang. Am Ende sind die leeren Taschen prall gefüllt. Zufrieden schleppen immer mehr Kunden ihre Essensrationen durch den Ausgang, die Stimmung ist gelöst. Das große Angebot reicht auch noch für diejenigen, die wie Hippler eine hohe Nummer gezogen hatten. Als der letzte glücklich den Saal verlässt, weicht auch die Anspannung aus dem Gesicht der Vorsitzenden und macht einem Lächeln Platz. Die Pause, die sich Klocker gönnt, währt jedoch nur kurz. Die übrig gebliebenen Lebensmittel müssen für den nächsten Verteiltag verstaut, der Raum aufgeräumt werden. Wie lange sie das noch machen will? Auf die Frage antwortet Klocker mit einem kurzen Lachen. „Eigentlich will ich bei den Vorstandswahlen 2012 nicht mehr kandidieren“, sagt sie. Eigentlich.

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