Mit dem Trabi in eine "fremde Welt"

Weit weg ist Landsberg von der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Vor 20 Jahren als die Mauer fiel und die Grenzen sich öffneten, wurde auch Landsberg ein Ort, an dem die Geschichte der friedlichen Revolution der DDR-Bürger spiel- te: Rund 250 Flüchtlinge trafen am Abend des 9. November 1989 in der Stadt ein. „Nur zwei Tage vorher haben wir Bescheid gekriegt. Das hat uns sehr überrascht“, erzählt Oberstleutnant Kurt Stürmer, von der früheren Saarburgkaserne.

Wie trotz kurzer Zeit alles organisiert werden konnte, daran haben sich Stürmer, Anton Huber, Geschäftsführer des BRK-Kreisverbandes Landsberg, und Oberbürgermeister a. D. Franz Xaver Rößle anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfall erinnert. Denn Bundeswehr, Rotes Kreuz und die Stadt Landsberg waren bei diesem Großeinsatz gefragt. Das Bild eines zerbeulten, russischen Wolgas, ist gleich auf der ersten Seite des Fotoalbums zu sehen, das an den November 1989 und die Unterbringung der „Übersiedler“ in der einstigen Saarburgkaserne erinnert. „Die Reifen waren völlig abgefahren. Mit solchen Autos sind die Leute damals rübergekommen“, schüttelt Anton Huber den Kopf. Dieses Auto hat er nicht vergessen – steht es doch für die Zeit und das ungewisse Abenteuer, auf das sich die DDR-Flüchtlinge einließen. Peter und Sylvia Metzger waren die Wolga-Fahrer. 1991, zum zweiten Jahrestag ihrer Flucht und Aufnahme in Landsberg schrieben sie zurück an ihre damaligen Helfer: „Vielen Dank für alles, was sie und ihre Soldaten in selbstloser Weise für uns Flüchtlinge der letzten Stunde geleistet haben.“ Als die Metzgers mit einer der letzten Flüchtlingswellen aus Prag in Landsberg ankamen – um exakt 20.50 Uhr stand der erste Trabi vor der Saarburgkaserne – waren diese eigentlich schon keine Flüchtlinge mehr. Denn kaum zwei Stunden vorher war die Grenzöffnung verkündet worden. Um die Leute unterzubringen, räumte Ob- erstleutnant Stürmer mit seinen Soldaten ein Kasernengebäude. „Innerhalb von Stunden sei das passiert“, so Stürmer. Renoviert wurde dort auch noch in den zwei Tagen vorher. Nachts gemalert „Das Problem aber war, dass die Farbe nicht reichte und in der Nacht keine zu beschaffen war“, erinnert sich Stürmer und berichtet, wie auch diese Situation gemeistert wurde. Malermeister Folk in Pürgen stellte Farbe bereit. Dann wurden die Räume eingerichtet. Erst abends, nicht schon nachmittags, kam die Trabikolonne in der Lechstadt an. „Für die Kinder hatten wir Schokolade und die Küche hatte die ganze Nacht auf“, weiß der Ex-Oberstleutnant. Die Bundeswehrverwaltung setzte sich mit dem Bayerischen Roten Kreuz in Landsberg in Verbindung. Gemeinsam wurde dann die Betreuung organisiert. Zuerst habe er einigermaßen hilflos dieser Aufgabe entgegengeblickt, beschreibt der damalige Oberbürgermeister Franz Xaver Rößle, der heute Vorsitzender des BRK-Kreisverbandes ist. „Doch dank Bundeswehr und BRK habe ich mich sofort entlastet gefühlt“, sagt er rückblickend. „Da habe ich gemerkt, wie wichtig beide in solchen Zeiten sind.“ Alle drei Zeitzeugen schwärmen von der großen Spendenbereitschaft der Landsberger Bürger. „Lobenswert“ sei sie gewesen. Hygieneartikel, Kleidung, Spielzeug, Fernseher und Waschmaschinen kamen für die jetzt 225 DDR-Bürger in die Kaserne. Kurios waren manche Situationen mit den Neuan- kömmlingen, die die Unterschiede im täglichen Leben der beiden früheren deutschen Staaten deutlich machen. Duschen mit Hebelmischer gab es in der DDR nicht – so dachte eine Frau, es gebe nur kaltes Wasser. Huber erinnert sich auch daran, dass im damaligen, nahegelegenen Minimal gekauft wurde als ob morgen alles ausverkauft sei. „Tütenweise haben die Leute Orangen, Mandarinen und Bananen weggeschleppt. Wir mussten sie also auch mit einem völlig veränderten Alltag vertraut machen“, erklärt er, was alles zur Betreuung durch das BRK gehörte. In Sachen Einkaufen bedeutete das, nicht zu hamstern, denn auch morgen noch würden die Supermarktregale voll sein. Für die ehemaligen DDR-Bürger war das neu. Sie waren Mangel gewöhnt. „Fremde Welten“ sagt der BRK-Mann dazu. Mit den Landsberger Bürgern wurden Patenschaften vermittelt, damit die Menschen sich kennen lernten. Jemand bot Stadtführungen an und zeigte den Neuen den Ort. Gute Zusammenarbeit habe es auch mit dem Einwohnermelde- und dem Arbeitsamt gegeben, stimmen die drei Beteiligten von damals zu. Die Mitarbeiter der Behörden kamen in die Saarburgkaserne, um die Neubürger zu registrieren. Schnell seien auch Arbeitsbeschaffungs- maßnahmen vermittelt worden. Zwischenstation Nach einer Woche reiste dann schon die erste Familie weiter. So war Landsberg oft nur Zwischenstation der Ex-DDR-Bürger. Viele suchten Verwandte in anderen Teilen Deutschlands auf. Sehr intensiv hat Anton Huber damals in diesen sechs Wochen mit seinen 75 BRK-Kräften gearbeitet. 80 Helfer der evangelischen Kirche, des Katholischen Frauenbundes und der CSU-Frauenunion stellten sich damals freiwillig zur Verfügung. Anton Huber besitzt noch den Terminkalender von 1989. Wenn er durch die November- und Dezemberwochen blättert, sind da nur rote Striche, die seine Tätigkeit bei den Flüchtlingen anzeigen. Kurz vor Weihnachten enden dann seine Termine in der Saarburgkaserne, denn die letzten DDR-Bürger verließen Ende Dezember ihre zeitweilige Unterkunft in Landsberg. Ob heute noch jemand von den damaligen Übersiedlern in Landsberg wohnt, können sie nicht mehr sagen. 20 Jahre sind schließlich eine lange Zeit…

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