Sechs an einem Bass

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Die Posaune hebt gleich ab: Die schweizer Band „Hildegard lernt fliegen“: Marco Müller am Bass, Vocalkünstler Andreas Schaerer, Matthias Wenger am Saxophon, Perkussionist Christoph Steiner, der Posaunenartist Andreas Tschopp und Benedikt Reising am Baritonsax.

Landsberg – Sechs Musiker: Bass, Percussion, Stimme und drei Bläser. Eigentlich ganz normal. Doch was die schweizer Band „Hildegard Lernt Fliegen“ auf Einladung von Edmund Epple den Zuschauern zu Ohren kommen ließ, war alles andere als normal. Der ordentlichen Klischee-Schweiz traut man so etwas gar nicht zu. Außergewöhnliche Musik, die zwischen den Stilen mäandert und jegliche Grenzen überwindet. Außergewöhnlich gut. Das wurde belohnt: Die begeisterten Zuschauer im gut gefüllten Theatersaal gaben Standing Ovations – und ließen die Schweizer nur ungern von der Bühne.

Der Name der Band erinnert eher an ein Theaterstück für Kinder. Denn wer bitte ist denn Hildegard? Das bleibt in der Schwebe. Hildegard, das mag die Musik sein, oder die Band, liebevoll „Hildi“ genannt. Oder es ist einfach nur Mumpitz. Vocalartist, Vokalkünstler (im wörtlichen Sinne) und Frontmann der Gruppe Andreas Schaerer sähe das ähnlich. Er hat sichtlich ungemein viel Spaß an der ganzen Sache, wenn er seine Stimme mal swingen lässt oder sie operngleich erhebt, sie sich dann aber gleich wieder als perfekte Imitation einer Trompete unter die anderen Instrumente mischt.

Das bleibt nicht bei Trompete. Was Schaerer mit seiner Stimme macht, scheint uferlos: Knurren, Heulen, Beatboxen, er ist „primus inter pares, unter Bläsern, Bass und Bum-tschak“, wie auf der Webseite zu lesen ist. Er habe eben nicht Vorstehsänger irgendeiner Band sein wollen, der „die üblichen Weisen von Freude und Leid, Liebe und Hüftsport“ intoniert. Und da kann er auch schon mal zweistimmig singen: Geräusche mit der Zunge am Gaumen, das Singen mit der Stimme – durch die Nase. Das ist begeisternd, unglaublich, phänomenal.

Und das sind auch die anderen Musiker, die Schaerers Können in nichts nachstehen: Andreas Tschopp als genialer Posaunist, der auch ab und zu zur Tuba greift. Und auch als Vocalpartner mit Schaerer zusammen unsinnig wahnwitzige Silbenfolgen zur Musik singen kann. Matthias Wenger und Benedikt Reising sind für alle Saxophonvarianten sowie Klarinette zuständig. Und auch Blockflöte, wenn gewünscht. Am Schlagzeug sitzt Christoph Steiner, kommt aber vor allem am Marimbaphon so richtig groß raus. Und schließlich das Rückgrat der Truppe, Kontrabassist Marco Müller. Nur am Kontrabass. Oder doch nicht nur, er hat gerade noch einen Käseladen eröffnet. Die Schweizer eben.

Was diese Sechs machen, ist Jazz – irgendwie. Swing, Bebop, Modern Jazz, gemischt mit Klassik, Pop, Musical, Oper. Geschüttelt und zusammengerührt vom Komponisten Schaerer selbst. Nicht umsonst nennen sie sich selbst eine „Überjazz-Band“. Ihre aktuelle Platte trägt den aussagekräftigen Titel „The Fundamental Rhythm Of Unpolished Brains“. Das passt: Der wesentliche Rhythmus dieser zum Glück nicht geschliffenen, ungezähmten Musik geht nicht nur den Bandmitgliedern direkt ins Blut und in die Beine. Auch im Zuschauerraum sind mehr wippende Gliedmaßen als bei sonstigen Konzerten dieser Art zu sehen.

Nach zwei Konzerthälften applaudiert die Zuschauermenge enthusiastisch, stehend. Zwei Zugaben kann sie ergattern. Die erste besteht aus einem kurzen Song am Bühnenrand, mit Stimme, Bass, dem Minizupfding Kalimba und Blockflöten in allen Größen. Doch wer braucht schon so viele Instrumente? Es reicht doch eines, wenn auch zugegebenermaßen das Größte. Die letzte Zugabe läuft unter dem Motto: „Wie viele Menschen können gleichzeitig auf einem Kontrabass spielen?“ Bei „Hildi“ mindestens sechs: Zwei Zupfen, die freie Saite streicht ein Dritter, der Vierte lässt hohe Töne unterhalb des Stegs erklingen, der Fünfte nutzt das Holz als Trommel. Und der Letzte? Der widmet sich dem Metallfuß des Instrumentes. Liegend.

Susanne Greiner

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