Ohne Geschichte und Identität

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Einer von zahlreichen „Unorten“ im Neuen Stadtmuseum Landsberg: „Honeckers Heim, Glück allein“ von Roswitha Tafertshofer.

Landsberg – An heißen Tagen wie zuletzt bietet sich der Besuch im Neuen Stadtmuseum an: Es ist dort angenehm kühl. Und die aktuelle Doppelausstellung „Unorte“ mit dem Dießener Maler Martin Gensbaur und der in Murnau lebenden Künstlerin Roswitha Tafertshofer verschaffen dem Besucher eine eindrucksvolle Ruhepause.

Unorte, so liest man im Begleitheft zur Ausstellung, „sind leere Orte ohne Geschichte und Identität.“ Man findet sie überall, es sind die unschönen Orte, die hässlichen, die jeder schon mal irgendwo gesehen hat. Martin Gensbaur nimmt sich ihrer an – und nimmt ihnen damit die Hässlichkeit. Seine Motive haben keine offensichtliche Ästhetik. Gensbaur will aber genau das: die Schönheit dieser Nichtorte suchen und sie uns zeigen.

Martin Gensbauers zeigt "Unorte" wie diese „Tankstelle“ .

Die zahlreichen Bilder des Malers hängen wie an einer Schnur aufgefädelt an den Wänden ringsherum, alle in derselben Höhe, alle gleich groß. Würde man einen Film machen, indem man mit der Kamera an den Bildern entlang „fährt“, bekäme man etwas, das einer Autobahnfahrt in Italien kurz hinter Rom ähnelt: Tankstellen, Industriebauten, Feriensiedlungen, Container, Strommasten. In flachen Landschaften, Zypressen im Hintergrund, menschenleer, und allen wohnt das Gefühl von „vertrauter Tristesse“ inne. „Moderne innere Verwahrlosung“ hat ein Besucher ins Gästebuch geschrieben.

Roswithas Tafertshofer Stellagen stehen mitten im Raum. Es sind ehemalige Puppenstuben, sie wirken aber wie kleine Bühnen. Man merkt darin Tafertshofers Studium der Theaterwis- senschaften. Die in Bonn gebo-rene Künstlerin beschäftigt sich darin mit dem „Glanz des Gewesenen“. Eine Stellage zeigt eine DDR-Datscha mit dem Titel „Honeckers Heim, Glück allein“. Schaut man in den Innen- raum, ist dieser vollgestopft mit Westwaren.

Eine Puppenstube mit dem Titel „Konsumfalle“ zeigt in Einkaufskörben liegende Menschen. In „Porzellan im Elefantenladen“ sieht man kleine Spielzeugelefanten, die mit Töpfen und Krügen Unfug stif-ten. Allen Stellagen wohnt etwas Verspieltes inne, gebrochen durch Verfremdung oder Wortironie. Ihre Unorte sind nicht wie Gensbaurs noch existent, sie sind Vergangenheit oder ganz erfunden.

Für Gensbaur ist diese Doppelausstellung ein Experiment. „Normalerweise bin ich Solist“. Aber ihm gefällt die Kombination. Der Raum vertrage das Zusammenspiel sehr gut. Allerdings wären seine Bilder in einem ansonsten leeren Raum wohl noch ausdrucksstärker.

Das Licht anknipsen

In Bildern, die an Fotografien erinnern, gibt Gensbaur die von ihm ausgewählten Unorte in Gouache wider. Auf den ersten Blick zeigen sie unbedeutende, nichtige Landschaften. Man sieht das oft zitierte „Licht des Südens“, klar und leuchtend. „Ich versuche in meinen Bildern das Licht anzuknipsen“, sagt Gensbaur zu seiner lichten Farbgestaltung. Die Stimmung erinnert an den letzten Italienurlaub, aber die Motive haben nichts mit der typischen Urlaubsidylle zu tun. Man kennt sie, aber hat sie nur unterschwellig, beiläufig wahrgenommen.

„Um Unorte zu finden“, sagt Gensbaur, „muss man den Fuß vom Gas nehmen, stehenbleiben, die Zeit anhalten, um zu schauen.“ Denn an den Stellen, an denen er seine Staffelei aufbaue, packe kein Tourist seine Kamera aus. Gensbaur malt seine Unorte vor Ort. Dafür müsse er“ zufällig am rechten Ort zur rechten Zeit auf den Auslöser drücken“, auch wenn das Auslösen bei ihm schon mal Tage, Wochen oder auch Monate dauern könne.

Warum Tankstellen?

Was ist an diesen alltäglichen Schauplätzen so besonders, dass man sie auf Bildern festhalten müsste? Ist das Kunst, mag sich manch einer fragen. Für Gensbaur gehört der Alltag zur Kunst unbedingt dazu. Man könne ihn gar nicht mehr ausblenden: „Die Störungen sind dafür zu offensichtlich“. Mit Störungen meint er das Einkaufszentrum inmitten unberührter Landschaft, die hoch aufragenden Strommasten vor idyllischen Bergen, die Container am Flussufer.

Er als Künstler will zeigen, wie er diesen Alltag, unseren Alltag, sieht. „Bilder“, sagt Gensbaur, „sind Inszenierungen, dem Auge eines anderen zu verdanken“. Heutzutage seien Fotos Massenware, jeder werde von der überall stattfindenden Bilderflut überschwemmt. Durch ein besonders herausragendes Motiv hervorzustechen, sei fast unmöglich. Deshalb wachse in ihm beim „Vorbeifahren“ an all dem immer mehr das Bedürfnis nach Bildern, die bleiben. Mo-mentaufnahmen, für die sich Gensbaur Zeit nimmt. Dennoch, der Maler zeigt nicht die Wirklichkeit an sich: „Bilder sind Visionen, Ansichtssache, reine Erfindung.“

Gensbaurs Bilder zeigen nur Gensbaurs Wirklichkeit. Sie ist trotz der im Gästebuch erwähnten Verwahrlosung überraschend schön.

Die Ausstellung läuft noch bis 27. September. Am 19. September hält Gensbaur um 15 Uhr den Vortrag „Nicht-Orte“. Die Öffnungszeiten: Di – Fr 14 bis17 Uhr, Sa, So und feiertags 11 bis 17 Uhr.

Susanne Greiner

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