Direkt aus dem Shakespeare-Heft

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Der Sieg Othellos über die türkische Flotte: Bernd Lafrenz und das Publikum.

Landsberg – Shakespeare-Tragödien: ein Traum für jeden Schauspieler. Große Gefühle, pointierte Dialoge, dramatische Monologe. Doch was macht eine Figur, die im gesamten Stück nur kümmerliche zehn Zeilen hat? Bei Bernd Lafrenz entschlüpft sie dem Reclam-Heft und macht ihre eigene Show.

Es wackelt im überdimensionalen Reclam-Heftchen. Frustrierte Figuren, die auf ihren Auftritt warten, zanken über ihre Bedeutung. Schließlich entspringt der Freiburger Schau­spieler Bernd Lafrenz alias Ferdinand (im Original der namenlose Herold) dem gelben Heft und erzählt die Tragödie um den Mohren von Venedig auf seine ganz eigene Weise. Mithilfe einiger Requisiten und der tatkräftigen Mitarbeit des Publikums (das unter anderem den Seekampf darstellt) erweckt er die Geschichte zum Leben und spielt mal eben fast sämtliche Rollen, die das Stück hergibt.

Nur Kleinigkeiten reichen Bernd Lafrenz, um die Figuren zu charakterisieren. Ein Akzent, eine typische Handbewegung, Stimme oder Mimik - Lafrenz jongliert virtuos mit dem (etwas reduzierten) Shakespeare’schen Rollenaufgebot. Der liebeskranke Rodrigo parliert auf Italienisch, die hüftleidende Zofe Emilia ostpreußisch. Othello füllt mit seinem Bass mühelos den Raum, während der Ober-Intrigant Jago auch stimmlich an eine Schlage erinnert.

Umgangssprache wechselt mit Blankvers, Komik durchaus mit tragischen Momenten. Zum Schaffen der Atmosphäre dienen (natürlich) die Shakespeare’schen Wortkulissen, aber auch Einspielungen der Verdi-Oper. Erklärungen zwischendurch kommen vom lispelnden Ferdinand selbst, manchmal langatmig und auch unnötig.

Am Ende, na klar, stapeln sich die imaginären Leichen auf der Bühne, was Ferdinand zu der Einsicht bringt, selbst „noch ganz gut weggekommen zu sein“. Sagt‘s und verschwindet wieder im Heft. Das Publikum verschwindet mit einem Lächeln in der Nacht.

Patricia Eckstein

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