"Verkehrserzieher" ohne Lizenz

Eigentlich immer unauffällig… Cartoon: Pfeffer

Ein Autofahrer hat nicht die Aufgabe, andere Verkehrsteil­nehmer zu erziehen, selbst wenn sie sich seiner Meinung nach falsch verhalten. Das erfuhr jetzt ein 69-Jähriger aus Kaufering vor dem Amtsgericht Landsberg. Der Rentner hatte einen Drängler auf der B17 bei Denklingen drastisch ausgebremst und sich prompt eine Anklage wegen Nötigung eingehandelt.

„Ich versuche, sehr präzise zu sein und Richtlinien einzuhalten“, erklärte der Mann vor Strafrichterin Sabine Grub. Umso mehr nimmt er wahr, wenn andere sich falsch verhalten. Fährt ihm im Straßenverkehr jemand zu dicht auf, fühle er sich gestresst. Das geschah auch an jenem Tag im Juli vergangenen Jahres auf der B17. Um einen Drängler zu maßregeln, reduzierte der Angeklagte seine Geschwindigkeit von gut 90 auf etwa 30 Kilometer pro Stunde und zwang das nachfolgende Fahrzeug, im Bereich des Überholverbots auf Höhe der Gaststätte Lechblick in diesem Tempo hinter ihm herzuzuckeln. Kaum war das Überholverbot aufgehoben und der nachfolgende Fahrer an ihm vorbeigezogen, gab auch der Angeklagte wieder Gas. Er fahre mit Tempomat, erklärte der 69-Jährige vor Gericht. Um diesen auszuschalten, müsse er kurz „die Bremse antippen“. Um dicht auffahrende Autos zu warnen, betätige er meist vorher die Warnblinkanalge. „80 Prozent der Fahrer verstehen, was ich damit meine, und erhöhen den Abstand. Wer das nicht tut, bekommt natürlich einen Riesenschreck, wenn ich plötzlich bremse.“ Staatsanwalt Ivo Holzinger indes wertete dieses Verhalten als „außerordentlich gefährliche Aktion“, bei der es sogar „zu Massenkarambolagen größten Ausmaßes“ kommen könne. Er selbst kenne auch Autofahrer, die sich berufen fühlten, als Verkehrserzieher tätig zu werden, „aber es ist nicht die Aufgabe eines Autofahrers, anderen Nachhilfe zu geben.“ Deshalb war dem Rentner der Führerschein ent­zogen und per Strafbefehl eine Geldstrafe von 2000 Euro verhängt worden. Vor Gericht zeigte sich der Kauferinger einsichtig. Er hatte sich aus eigenem Antrieb in verkehrspsychologische Behandlung bei einem Sozialpädagogen begeben und sein Problem erfolgreich aufgearbeitet. Bereits früher habe er sich bei Polizei und ADAC erkundigt, wie er sich Dränglern gegenüber verhalten solle. Niemand habe ihn je auf sein Fehlverhalten hingewiesen, „sonst hätte ich das nie wieder gemacht“. Verteidigerin Alexandra Fuchs erklärte: „Mein Mandant hat sich durch Drängler im Straßenverkehr bedroht gefühlt. Niemand konnte ihm dafür eine Lösung vorschlagen.“ Dass er keinen einzigen Punkt im Flensburger Verkehrssündenregister hat, sprach ebenfalls zugunsten des Angeklagten. Mildes Urteil Richterin Grub ließ deshalb Milde walten. Statt des Führerscheinentzugs sprach sie ein dreimonatiges Fahrverbot aus. Da der 69-Jährige seinen Führerschein bereits im Oktober abgeben musste, bekommt er ihn nun direkt zurück. Die Geld­strafe wurde von 2000 auf 1600 Euro reduziert.

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