"Viel besser als Kino"

Schauspieler Henry Braun lässt nur mithilfe einiger Requisiten und Musik die Legende von Störtebeker lebendig werden. Foto: Eckstein

Ein Junge ist allein zuhause, wartet auf den Vater, der mit ihm ins Kino gehen will. Doch der Vater kommt nicht, vertröstet den Jungen immer wieder per Telefon. Der Junge, enttäuscht und zornig, flüchtet sich in eine wilde Piratengeschichte („Wenn Papa ein Pirat wäre, hätte er mehr Zeit“) – so entsteht Kindertheater, wie es sein sollte: voller Phantasie, Witz, Spannung und origineller Einfälle, und viel besser als Kino.

Zugegeben: bei dem Thema „Piraten“ denkt man zunächst an Captain Sparrow und die „Black Pearl“ (die älteren vielleicht an Errol Flynn?), an Palmen und türkisblaues Meer. Doch auch Deutschland hat seine Seeräuberlegende: Klaus Störtebeker, der sich nicht nur mit der Hanse, sondern auch mit deutlich schlechterem Wetter herumschlagen musste als seine „Kollegen“ aus der Karibik, und das auch noch rund 200 Jahre früher. Wie der Matrose Klaus zu den Likedeelern, den Nord- und Ostseepiraten kam und nach und nach zu deren Anführer wurde, erzählt der einsame Junge (wunderbar: Henry Braun) nur mithilfe eines Sofas, einiger Einrichtungsgegenstände und akustischer Kommentare aus dem unsichtbaren Fernseher. Da wird die Kommode zum feindlichen Schiff, der Lampenschirm zum Fass, eine Schublade voller Süßigkeiten zur Beute und die Chipsrolle zum Fernrohr. Die Krisensitzungen der Pfeffersäcke, pardon, der Hanse werden als Tagesschaumeldung gespielt, die Abenteuer der Likedeeler mit Zitaten aus „Winnetou“, „Spiel mir das Lied vom Tod“ und – natürlich- „Fluch der Karibik“ unterlegt. Der berühmte Show-Down vor Helgoland, bei dem die Piraten durch eine List besiegt und gefangen gesetzt werden, wird zum Champions-League-Finale. Autor und Regisseur Felix Schmidt hat mit diesem Stück eine große Legende in ein kleines Kammerspiel über die Grundthemen Mut, Freiheit und Zusammenhalt gebracht, unterhaltsam und authentisch. Kein Wunder, ist Schmidt doch Sohn eines Kapitäns, Schauspieler Henry Braun Sohn des langjährigen Störtebeker-Darstellers Norbert Braun. Und als sich am Ende der Vater meldet und verspricht, nun doch mit ins Kino zu gehen, fragt man sich nur: „Wieso? Geht doch lieber ins Theater!“

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