Von ganz normalen Menschen

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Ella (Angelika Forster-Walter; Mitte) reicht’s. Sie packt nach 25 Ehejahren ihren Koffer. Von links: Jakob Zucker (Ludwig Kramer), Miriam (Kathrin Seifert), Daniel Brozowsky (Chris Filser) und Moische Grünstein (Konrad Linke).

Dießen – Schon die erste Szene ist ein Genuss: Der Vorhang geht auf und man befindet sich im Wohnzimmer der Familie Brozowsky in Israel. Hobbyschneiderin Ella (Angelika Forster-Walter) steht gebückt im Kittelschurz und steckt der lebenshungrigen Witwe Martha Ginzburg (Annette Rudat-Sieber), die ein Auge auf Ellas Mann, den Installateur Daniel geworfen hat, das Kleid kürzer und kürzer. „So trägt man das heute“, ist Martha zufrieden.

Eigentlich ist Ephraim Kishons Komödie „Der Trauschein“ ein bisschen aus der Zeit gefallen. Wer würde sich heute noch über den Verlust dieses Dokuments groß aufregen, oder gar die eigene Ehe infrage stellen? Aber die Liebe von Daniel Brozowsky und seiner Frau Ella ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen und so reicht ein verschwundener Trauschein als Sprengstoff völlig aus. Zudem haben es Regisseur Alois Kramer und seine Darsteller hervorragend geschafft spannende Beziehungskonstellationen, komische Situationen, Blicke, bedeutungsvolle Pausen, kurz das ewig Menschliche hervorragend herauszuarbeiten um so Kishons Komödie, die die Institution Ehe mit gewissem Ernst aber auch mit sehr viel Humor betrachtet, in die Gegenwart zu retten.

Öl ins Feuer gießt Moische Grünstein (Konrad Linke). Als Bürokrat und Muttersöhnchen möchte er Miriam (Kathrin Seifert), die muntere Tochter der Brozowskys nur heiraten, wenn seine Schwiegereltern in spe zuvor ihren Trauschein wieder herbeischaffen. Klar dass der Haussegen in Schieflage gerät.

Eine kleine Sensation ist das Bühnendebüt von Chris Filser. Er gibt das exzentrische Familienoberhaupt Daniel Brozowsky schnoddrig und zugleich mit großer Leidenschaft. Lacher sind garantiert, wenn er seinen Mitspielern immer und immer wieder die großartigste Geschichte aus seiner Laufbahn als Installateur erzählt. Nämlich wie er vor 25 Jahren die Wasserversorgung für den Kibbuz auf die Schnelle gerettet und damit einen Ingenieur überrundet hat, der „nur Vakuum im Kopf hatte – trotz Diplom“.

Kein Wunder das Daniel ernsthaft beleidigt ist, wenn seine Frau in abwertend als „Klempner“ bezeichnet. Zum Trost gönnt er sich ein kurzes Techtelmechtel mit Nachbarin Martha, bezaubernd gespielt von Annette Rudat-Sieber. Die Rettung für Tochter Miri naht in Gestalt des vitalen, unkomplizierten Burschen Jakob Zucker (Ludwig Kramer) aus dem Kibbuz, der im Auftrag des Rabbinats nach dem Rechten schauen soll. Und der Trauschein? Das fatale Dokument taucht unversehens auf, die Ehe der alten Brozwoskys ist wieder im Lot und einem Happy End steht nichts mehr im Wege.

1963, als „Der Trauschein“ am Broadway lief, wurde Kishon gefragt, wie er sich den phänomenalen Erfolg der Komödie erkläre. Er soll gesagt haben: „Das Stück handelt vom Leben ganz normaler Menschen – der Familie eines Klempners. Es ist wichtig und sinnvoll von ganz normalen Menschen zu schreiben, denn Könige und Präsidenten kommen und gehen, der Klempner hingegen bleibt. Dadurch wird er zur wichtigsten Person der Welt“.

Das Premierenpublikum im Gasthof „Drei Rosen“ sah das genauso und bedachte das Ensemble der Commedia Dießen für die heitere, abendfüllende Inszenierung mit lang anhaltendem Applaus. Weitere Aufführungen: 8. bis 10. Mai, jeweils um 19.30 Uhr.

Ursula Nagl

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