Wagen der Erinnerung

Er gilt als das Symbol für den unbeschreiblichen Völkermord an den europäischen Juden: der gedeckte Güterwagen G10. Wie bereits berichtet, hat der Markt Kaufering einen solchen Wagen erworben und will diesen im Rahmen eines Mahnmals am Bahnhof integrieren. Wie das bewerkstelligt werden kann und welche Bedeutung der Wagentyp in der Deutschen Geschichte hat, haben kürzlich Manfred Mittelstett, Vorsitzender des Fördervereins Aeronauticum in Nordholz bei Cuxhaven, sowie Historikerin Dr. Anja Dörfler im Rahmen eines Vortrags in Kaufering vorgestellt.

Dabei zeigte Mittelstett den anwesenden Gemeinderäten, wie im Museum in Nordholz solch ein Wagen in eine Ausstellung integriert wurde. So befindet sich der G10 auf einem Gleis, das von einer Art Gebäude umgeben ist. Wände gibt es aber nur an der Rückseite, sonst ist der Blick frei. Darüber hinaus klären Informationstafeln die Besucher über Ereignisse auf, die mit dem Wagentyp in Zusammenhang stehen. Um die Wichtigkeit dieser Thematik zu unterstreichen, werden tägliche Führungen zum Exponat durchgeführt. Damit befindet sich das Museum bei Cuxhafen in guter Gesellschaft. Denn, laut Dr. Dörfler, wird der G10 in rund 35 Musen und Gedenkstätten in acht Ländern ausgestellt. Nicht ohne Grund, denn insbesondere der Flachdachwagen vom Typ G10 dient bis heute aufgrund fotografischer Belege als der Deportationswagen. Auch für Kaufering dokumentiert ein solches Objekt die hier verübten Gräueltaten im Rahmen der Gleichschaltung durch die nationalsozialistische Diktatur in allen Lebensbereichen, so Dörfler. Er wirft Fragen nach dem Funktionieren des Systems auf und zeigt am Beispiel der Deutschen Reichsbahn die Bedeutung der einzelnen Zahnräder im „Gesamtgetriebe“. „Ohne die Beteiligung der Deutsche Reichsbahn hätte es weder Vernichtungskrieg im Osten noch die Deportation von Millionen Menschen in die Konzentrationslager und Vernichtungslager gegeben“, betonte die Historikerin. Die gedeckten Güterwagen, die das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte dokumentieren, mahnen heute dazu hinzuschauen. Sowohl die Mittäter an der Deportation von Zwangsarbeitern und Juden beteiligten Institutionen, als auch die Bevölkerung, die auf Bahnhöfen Deportationszüge und ausgemergelte Menschen durch ihre Orte ziehen sah, wussten – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – von den Verbrechen der Nazis. „Zu wenige haben versucht, etwas dagegen zu tun“, so Dörfler. Daher sei ein Mahnmal, wie es am Bahnhof in Kaufering entstehen soll, mit dem Güterwagen G10, richtig. Denn es gibt einen Einblick in das Leid der Menschen im Krieg und in der Gewaltherrschaft. Heute leben nur noch wenige Menschen, die diese Zeit selbst erlebten. Sie werden beim Anblick des Wagens an ihre Lieben denken, die sie durch Krieg und Gewalt verloren haben oder sie erinnern sich an die Flucht, Vertreibung und die verlorene Heimat. Andere, die dieses Leid nicht persönlich erfahren haben, gedenken all derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten oder einer anderen Rasse zugeordnet wurden.„Uns mahnt ein solcher Güterwagen und die damit erzählte Geschichte heute und in Zukunft nicht nur zum Hinschauen, sondern auch zum Handeln – gegen Antisemitismus, Rassismus, Intoleranz und die Verletzung der Menschenrechte“, betonte Dörfler. Pflicht, nicht zu vergessen Wie das Denkmal am Kauferinger Bahnhof letztlich aussehen wird, steht noch nicht fest. Hierüber muss der Marktgemeinderat doch befinden, so Bürgermeister Dr. Klaus Bühler. Jedoch, mit Blick auf einige Äußerungen Kauferinger Bürger, die an ihn heran getragen wurden, „die Geschichte doch endlich ruhen zu lassen“, sagte Bühler: „Der Wagen G10 steht für Kaufering. Wir sollten nicht aufhören zu vergessen, was in Kaufering in jener Zeit passiert ist. Ich fühle mich verpflichtet, nicht zu vergessen.“

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