Strom aus dem Kingholz

Segen für die Windkraft

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Saubere Stromlieferanten: die vier Windkraftanlagen im Kingholz oberhalb von Fuchstal.

Fuchstal – Die Windkraft – ist sie ein Fluch oder ein Segen? Die Auseinandersetzungen werden erbittert geführt. Bestes Beispiel dafür war und ist das Fuchstal. Genehmigt, sprich „abgesegnet“, wurde das Projekt Mitte letzten Jahres mit Bescheid des Landrats­amtes Landsberg. Jetzt, nachdem alle vier Anlagen unfall­frei errichtet wurden und seit Ende August in Betrieb sind, gab‘s am Samstag auf einer Feier im Kingholz den kirchlichen Segen dazu. Den spendeten Diakon Hermann Neuner aus Waal und Pfarrer Detlev Möller von der evangelischen Gemeinde Landsberg.

In die vier Windräder wurden 21 Millionen Euro investiert, wobei zwei Drittel über Kredite abgedeckt sind. Finanzierende Banken sind in einem Verbund die VR-Bank Landsberg-Ammersee und die VR-Bank Neu-Ulm. Gut sechs Millionen Euro teilen sich die Gemeinde Fuchstal sowie die 116 Anteilseigner je zur Hälfte. Die größten Einlagen haben dabei mit 750.000 bzw. 500.000 Euro zwei Anleger aus Schongau und Fuchstal.

Mehrere Redner traten bei der Feier im eigens aufgebauten Zelt unter der Windkraftanlage 3 ans Mikrofon. Fast eine Stunde dauerten die Ausführungen von Bürgermeister Erwin Karg, der nicht nur die 250 geladenen Gäste begrüßte, sondern mit bissig-ironischen Kommentaren aufwartete – zumeist gegenüber denen, die nicht eingeladen wurden . Ehrlich gemeint war freilich sein „Dank für die Courage, dass Du da bist“, den er an Claudia Hindelang richtete. Sie ist dritte Bürgermeisterin der Ostallgäuer Nachbargemeinde Markt Kaltental, wo eine Klage gegen den Teilflächennutzungsplan der Gemeinde Fuchstal angestrengt wurde.

Bei der Segnung an der Windkraftanlage 3 (von links): Geschäftsführer Robert Sing, Diakon Hermann Neuner, Pfarrer Detlev Möller und Bürgermeister Erwin Karg.

Als Fazit seiner Erfahrungen mit den Widerständen in den vergangenen vier Jahren meinte Bürgermeister Karg beinahe zynisch: „Wer seinen Freundes- und Bekanntenkreis ausmisten möchte, der plane und baue Windräder.“ Ebenso wie der Rathauschef richtete auch Gerhard Schmid, der geschäftsleitende Beamte der VG Fuchstal und energischer Kämpfer für die Windkraftanlagen, seinen Dank an frühere und jetzige Fuchstaler Gemeinderäte „für die Geschlossenheit bei solchen Widerständen“. Schmid, zugleich Kämmerer der Verwaltungsgemeinschaft, erwähnte des Weiteren, dass die Erlöse aus der Stromeinspeisung nicht auf die Steuerkraft der Gemeinde Fuchstal angerechnet werden.

Bürgermeister Karg kritisierte, dass Ministerpräsident Horst Seehofer 2011 nach dem Atomreaktorunfall von Fukushima erst den forcierten Ausbau der Windenergie in Bayern proklamiert habe, aber zwei Jahre später im Zusammenhang mit der 10-H-Abstandsregelung den Ausspruch brachte, dass man sich die bayerische Landschaft nicht durch solche Ungetüme verschandeln lassen wolle. Richtige Unterstützung in der Landespolitik habe man nur durch die Grünen erfahren, ergänzte Karg, der auch mit dem Satz aufwartete: „Lieber auf am steinigen Weg durchs Leaba ganga als auf einer Schleimspur durchs Leaba rutscha.“

Vorbildliches Modell

Der Landsberger Landtagsabgeordnete Ludwig Hartmann, Chef der Landtags-Grünen, erinnerte daran, dass für das Projekt im Fuchstal „vier Jahre lang dicke Bretter gebohrt wurden“. Es gelte, die Energiewende voranzutreiben, Atomkraftwerke wie Gundremmingen abzuschalten und ebenso aus der „dreckigen Kohlekraft“ auszusteigen. Die Energiewende sei ein Generationenprojekt, das nicht von heute auf morgen zu schaffen sei. Bezüglich der Windkraft in der Region drückte Hartmann die Hoffnung aus, dass Fuchstal „nicht die letzte Einweihung im Landkreis“ sein möge.

Ganz anders der Landrat: „Die Windkraft im Landkreis hat hier im Fuchstal ihren Höhepunkt“, sagte Thomas Eichinger (CSU). Solche Anlagen werde es allenfalls nur noch vereinzelt geben, fügte er hinzu. Eichinger bezeichnete das Modell mit der Bürgerwindkraft als vorbildlich. Die Gemeinde profitiere davon, Bürger könnten sich einbringen.

Direktor Stefan Jörg von der VR Bank Landsberg-Ammersee erwähnte, dass sein Haus zusammen mit der VR-Bank Neu-Ulm ein Konsortium gebildet habe, um Kredite für das Millionenprojekt zu gewähren. Leider habe sich zuvor keine andere regionale Bank dafür gefunden. Man investiere „aus echter Überzeugung“ in regenerative Energien. Dies spiegele sich bei der Windkraft im Fuchstal mit zwölf Megawatt Leistung ebenso wieder wie bei der Fotovoltaik im ehemaligen Munitionsdepot Leeder (ein Megawatt Leistung).

Robert Sing, der Geschäftsführer der Bürgerwindkraft Fuchstal GmbH und Chef des Ingenieurbüros Sing in Landsberg, wartete mit einigen Zahlen auf. Bislang seien im Kingholz 3,6 Millionen Kilowattstunden Strom ins öffentliche Netz eingespeist worden. Die Messungen in den Jahren 2013 und 2014 hätten in 150 Meter Höhe eine Windgeschwindigkeit von 5,9 Meter pro Sekunde ergeben.

Bei der Investitionssumme bleibe man laut Sing eine knappe halbe Million unter der Kostenschätzung von gut 21 Millionen Euro. Dabei seien die 260.000 Euro Ausgleichszahlung an den Bayerischen Naturschutzfond ebenso berücksichtigt wie der Rückbau der Flächen um die Türme der Windräder (jeweils 2500 Quadratmeter werden wieder angepflanzt) als auch die Ausbesserung der Wege.

Die Abrechnung in Zahlen war bei der von der Blaskapelle Markt Leeder musikalisch um­rahmten offiziellen Einweihungsfeier, das Thema von Geschäftsführer Robert Sing. Die „rhetorische Abrechnung“, wie es ein Besucher am Rande frotzelnd formulierte, die hatte zuvor schon Bürgermeister Erwin Karg als Aufsichtsratsvorsitzender der Bürgerwind GmbH übernommen.

Johannes Jais

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