Wenn das Baby ständig schreit

Schreibabys und ihren Eltern kann meist schnell geholfen werden. Doch leider ist zu wenig bekannt, wo sie Hilfe bekommen. Die SOS-Entwicklungsdiagnostische Beratungs­- stelle in der Spöttinger Straße stellte deshalb ihre Schreisprechstunde einem Kreis von Fachleuten vor. Mit einem interdisziplinären Team hilft sie Eltern und Babys zum Teil schon in wenigen Beratungsstunden, aus dem Teufelskreis von Überforderung, Überreaktion und Verzweiflung herauszukommen.

Die sogenannten Regulations­störungen, die zu diesem Teufelskreis führen, betreffen nicht nur das Schreien der Babys, erläuterten Diplom-Pädagogin Maria Mayer und Diplom-Sozialpädagogin Gabriele Steuer. Auch Fütter- oder Schlafstörungen sowie exzessives Klammern oder Trotzen können Eltern wie Kinder zur Verzweiflung treiben. Wann ein kindliches Verhalten als behandlungsbedürftig gilt, ist unterschiedlich defi­- niert. Auf jeden Fall sollte dann Hilfe geholt werden, wenn es für die Eltern zu belastend wird. Rund 21 Prozent aller Säuglinge sind so genannte Schreibabys – im Landkreis Landsberg also rund 100 Kinder pro Jahr, so die Referentinnen. Sie schreien anhaltend ohne ersichtlichen Grund, lassen sich nur schwer oder gar nicht beruhigen und sind insgesamt schnell irritiert und erregt. Die Eltern leiden unter hochgradiger Erschöpfung, fühlen sich hilflos und überfordert und entwickeln verständlicherweise oft negative Gefühle ihrem Kind gegenüber. Ähnlich sieht es bei Babys und Kleinkindern aus, die kaum einschlafen oder durchschlafen können, die die Nahrung verweigern, die extrem stark klammern oder trotzen. Es entsteht ein Teufelskreis mit hoher Eigendynamik, das ganze Familienleben dreht sich nur noch um das betreffende Thema. Nicht schütteln! Gefähr­lich wird es, wenn Eltern vor lauter Verzweiflung ihr Kind schütteln, um es zur Ruhe zu bringen. Denn es genügt schon eine schnelle Vorwärts- und Rückwärtsbewegung ohne viel Kraft, die zu einem tödlichen Schütteltrauma führen kann, erklärte Kinderarzt Dr. Oliver Wiese. Eltern sollten deshalb ihre Kinder nie in Verzweiflung oder Zorn hochnehmen, sondern lieber kurz das Zimmer verlassen, bis sie sich selbst wieder im Griff haben – und langfristig Hilfe suchen. In der Schreisprechstunde der SOS-Entwicklungsdiagnostischen Beratungsstelle werden Ratsuchende vorrangig behandelt und erhalten meist innerhalb weniger Tage einen Termin für ein erstes Beratungsgespräch und eine Entwicklungs- sowie physiotherapeutische Diagnostik, erklärte Bereichsleiterin Dr. Susanne Dillitzer. Beratung und Therapie sind für die Eltern vollkommen kostenlos. Vor allem wenn Eltern frühzeitig Hilfe suchen, kann das Problem meist in wenigen Beratungen gut gelöst werden. Oft genügt es, Eltern bei der korrekten „Übersetzung“ kindlicher Signale zu helfen, ihnen per Videoaufnahmen positive Interaktionen mit ihrem Kind klar zu machen und sie zu ermutigen, auch Hilfe von außen anzunehmen. Ist der emotionale Zugang zum Kind wieder leichter möglich und kommen die Eltern selbst zur Ruhe, ist der Teufelskreis schon aufgebrochen. Den Kindern hilft zudem oft das „Pucken“ zur Beruhigung, aber auch eine ganz individuelle physiotherapeutische Behandlung, die Physio­- therapeutin Kerstin Wunderlich mit Puppe „Anton“ anschaulich vorführte. Hausbesuch möglich Die Schreisprechstunde bietet auch Hausbesuche an und arbeitet eng mit den Kinderärzten und anderen Einrichtungen zusammen. Die vielen Kinderkrippen-Mitarbeiterinnen, die zur Vorstellung der Schreisprechstunde gekommen waren, zeigten sich sehr interessiert an dem Angebot und nahmen sich vor, die Eltern bei Bedarf darauf hinzuweisen. Nähere Infos zur Schreisprech­stunde gibt es auch im Internet unter www.sos-fruehfoerderung-landsberg.de.

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