Wenn Busfahrer zornig werden

Der elfjährige Sohn von Jacqueline Schaffrath aus Epfenhausen kam neulich vom Unterricht in der Schlossbergschule nicht nach Hause. Nicht, weil er keine Lust gehabt hätte. Nein, er konnte nicht. Um die Mittagszeit war ihm die Schülerfahrkarte am Hauptplatz von einem Busfahrer des Uttinger Unternehmens Schnappinger entzogen worden. Schneebälle waren zuvor geflogen – einer in den Einstiegsbereich des Busses.

„Dieses Vorgehen ist Busfahrern grundsätzlich erlaubt, um Unruhestifter zur Räson zu bringen und den Fahrbetrieb fortsetzen zu können“, klärt Wolfgang Müller, Pressesprecher im Landratsamt auf. Im Bus kehrt dann vielleicht wieder Ruhe ein. Der Schüler aber steht, wie im aktuellen Fall geschehen, ganz allein da, ohne Fahrgelegenheit – sofern die Eltern arbeiten, der Heimweg kilometerlang ist und kein Guthaben mehr auf der Handykarte ist. "So was kann nicht sein" Christian Karlstetter, Rektor an der Schlossbergschule, kennt das Problem und kann dem trotzdem nicht Herr werden: „Der Schulweg ist kein Bereich, der von der Schule überwacht wird.“ Oft würde es die Schule gar nicht mitbekommen, wenn sich Kinder und Jugendliche auf der Busfahrt schlecht benehmen. Karlstetter hat Verständnis für die Busfahrer, die viel Geduld im Umgang mit drängelnden Schülerhorden beweisen müssen. Ob es die geeignete Lösung ist, ein Kind im Extremfall dann nicht nach Hause zu befördern und es seinem Schicksal zu überlassen, das bezweifelt Karlstetter. Zum aktuellen Fall Schaffrath Junior sagt Karlstetter: „Es kann nicht sein, dass ein Schüler sieben Kilometer nach Hause laufen muss.“ Für den Fall der Nicht-Beförderung im Schulbus rät der Schulleiter: Die Buben und Mädchen sollten genügend Geld für ein Ticket im Linienbus oder das Handy dabei haben, um die Eltern anrufen zu können. Mit ständigen Belehrungen versucht man an der Schlossbergschule schlechtem Schülerverhalten vorzubeugen. Doch Kinder sind eben Kinder und wenn die weiße Pracht vom Himmel fällt, liegt die Schneeballschlacht gefährlich nahe. Im Übermut kann es schnell die Falschen treffen – etwa Bus und Busfahrer, die dann manchmal zu drastischen Maßnahmen wie dem Entzug der Fahrkarte greifen. „Dass ein Schulkind ohne Busfahrkarte und ohne Fahrmöglichkeit dasteht, kommt eher selten vor“, meint Pressesprecher Müller. Trotzdem: Auch wenn es Einzelfälle sind, ist es für den betroffenen Schüler und seine Eltern tragisch. Und ob die Strafe des aufgebrachten Busfahrers auch den richtigen Störenfried erwischt, das bleibe fraglich. Die Fahrkarte wird, wie bei dem elfjährigen Epfenhausener geschehen, dem Landratsamt übergeben. Die Behörde setzt sich danach mit den Eltern in Verbindung. Kommt es nach einer „Ermahnung“ wieder zu Problemen mit dem Passagier, kann ihm die Fahrkarte gänzlich entzogen werden. Den "Täter" nicht befragt Jacqueline Schaffrath hat nach vier Tagen die Schülerfahrkarte ihres Sohnes wiederbekommen. Zwischenzeitlich fuhr der Sechstklässler mit einer Bescheinigung seiner Schule Bus. Zuvor musste Schaffrath aber im Landratsamt mit Unterschrift bestätigen, ihr Kind über angemessenes Verhalten zu belehren und auch die Aussage des Busfahrers für richtig anerkennen. „Das fand ich unverschämt“, sagt sie. Sie versteht nicht, dass ihr Sohn nicht zum Vorfall befragt wurde. Dieser hatte nämlich eine andere Version als die des Busfahrers zu erzählen gehabt. Nur gegen die Scheibe des Busses sei der Schneeball des Jungen geflogen, sagt die Mutter. Der beteiligte Busfahrer schilderte dagegen, Schneebälle seien auf die einsteigenden Fahrgäste getroffen und schließlich hätten auch er und die Kasse im Bus eine Ladung abbekommen. Schaffrath ist nicht einverstanden damit, dass einfach die Fahrkarte eingezogen werden darf. Von einer Anzeige gegen den Busfahrer hat sie dennoch abgesehen. "Da hört der Spaß auf!" Schwierigkeiten mit dem Fahrgast „Schüler“ gibt es laut Müller nicht nur in Bussen, sondern auch in der neuen Ammerseebahn. Viele Kinder und Jugendliche würden sich flegelhaft benehmen, die Wagen beschmutzen, beschädigen, ihren Müll einfach liegen lassen. In den letzten Jahren hätten die Beschwerden zugenommen. Auch Dietmar Winkler, zuständig für den Öffentlichen Personennahverkehr im Landratsamt, bestätigt die Vorkommnisse in der Bahn und sagt: „Da hört der Spaß auf!“ Um die Eltern mit in die Pflicht zu nehmen, wurden 700 Briefe zur Information über „Fahrplanänderungen und Verhalten“ in den Zügen der Bayerischen Regiobahn geschickt. Darin wird darauf hingewiesen, dass Schüler bei Fehlverhalten auch von der Beförderung ausgeschlossen werden können. Pro Tag transportiert der Landkreis 5000 Schüler. Wenn einer aus der Reihe tanzt, können es aber auch nur 4999 sein, die nach Hause kommen. Der Sohn von Jacqueline Schaffrath hatte übrigens Glück: Die sieben Kilometer Heimweg blieben ihm erspart. Er erreichte seine Mutter per Telefon an ihrer Arbeitsstelle, die ihn daraufhin abholte.

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