Wenn die Pauschale nicht reicht

Menschen mit Behinderungen haben einen Anspruch auf die gleichen Möglichkeiten der Lebensgestal­tung wie Menschen ohne Behinderung. Dieses Ziel zu erreichen, ist nicht leicht, „zumal wenn man von Behörden zusätzlich behindert wird“, wie Rosemarie Ludwig auf der 22. Jahresversammlung der Offenen Behindertenarbeit in der Diözese Augsburg beklagt hat.

Zu dem Treffen im Landsberger Pfarrzentrum Mariä Him­mel­fahrt waren 28 Vertreter von Selbsthilfe­grup­pen von Menschen mit Behinderungen gekommen. Sie verkörpern im Bistumsbereich die Interessen von vielen hundert Men­schen mit unterschiedlichen Behinderungen. Aus dem Raum Landsberg waren es Teilnehmer des Behinderten- und Versehrtensports, der MS-Gruppe, der Schlaganfallgruppe, der Frei­zeit­gruppe „Rolli-Pop“ sowie der Körperbehinderten-Kon­takt­gruppe. „Die Jahresversammlung dient dem Informations- und auch Erfahrungsaus­- tausch“, so Peter Hell, der beim Diözesan-Caritasverband das Behindertenreferat leitet. Es gehöre zudem zu den Aufgaben der Offenen Behindertenarbeit, die Selbsthilfegruppen in deren Arbeit zu begleiten, zu beraten und zu unterstützen. Und noch etwas ist wichtig für diese Jahresversammlungen: „Man fühlt sich wohl, weil man in der Gemeinschaft aufgehoben ist“, wie es Ordensschwester Antonia Müller von den Dominikanern ausdrückte. Sie leitet in Landsberg eine MS-Selbsthilfegruppe. Nicht zum Stammtisch Rosemarie Ludwigs Kritik an den Behörden-Richtlinien ist kein Einzelfall. Seit dem 1. Januar 2010 gelten neue Fahrdienstrichtlinien. Während der für den Landkreis Landsberg zuständige Bezirk Oberbayern eine Pauschale von 80 Euro pro Monat mit unterschiedlichen Erhöhungssätzen vorsieht, gelten im Bezirk Schwaben pauschalisierte Sätze von 100 Euro pro Monat für jene Menschen mit Behinderungen, die eigenständig leben, und von 50 Euro für jene, die in Wohnheimen zu Hause sind. In Neusäß, wo Rosemarie Ludwig den „Lustigen Behinderten­stammtisch“, kurz „LuBeSta“, leitet, führt die neue Richtlinie dazu, dass drei von fünf Rollstuhlfahrern nicht mehr zu der geselligen und informativen Runde kommen können. Die tatsächlichen Fahrtkosten sind für sie als Rollstuhlfahrer viel zu teuer. „Gewachsene Strukturen werden so für Menschen zerstört, die ohnehin kaum aus ihren vier Wänden herauskommen“, weiß Ludwig. Peter Hell empfahl den Betroffenen Widerspruch gegen die zugewiesenen Fahrdienstpauschalen einzulegen. Wenn es wegen zu einer langen Verfahrensdauer zu gar keiner Auszahlung komme, solle man den Antrag auf Auszahlung im Rahmen der Vorleistungspflicht stellen. Hells Rat: „Scheuen Sie sich nicht, sich für Ihre Rechte einzusetzen.“ Schließlich gelte der Grundsatz, dass die Sozialhilfe immer individuell zu berechnen sei. Er und sein Kollege Ulrich Schwarzenberger vom Diözesan-Caritasverband forderten die Vertreter der Selbsthilfegruppen auf, in ihren Gruppen nachzufragen und zu prüfen, ob und wo die Fahrdienstpauschalen nicht ausreichen. „Wir brauchen diese Einzelfallbeispiele, wenn wir mit dem Bezirk Schwaben als Kostenträger erfolgreich nachverhandeln wollen.“ Für Fahrdienstprobleme im Landkreis Landsberg, ist Hans-Peter Bichler Ansprechpartner. Der Leiter der Offenen Behinderten Arbeit im Sozialzentrum St. Martin ist unter der Telefonnummer 08191/928625 zu erreichen.

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