"Wir lassen uns nichts vorschreiben!"

Vom eingeschlagenen Weg der Gedenkarbeit für die Opfer der KZ-Außenlager Kaufering/Landsberg will Bürgermeister Dr. Klaus Bühler keinen Millimeter abweichen. Er lehnt eine Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Dachau ebenso kategorisch ab wie mit Historikerin Dr. Edith Raim aus Landsberg. Das machte der Rathauschef auf einer Podiumsdiskussion am Donnerstag deutlich.

Zu der öffentlichen Aussprache und Diskussion hatte der Stimmkreisabgeordnete und kulturpolitischer Sprecher der Grünen im Bayerischen Landtag, Dr. Sepp Dürr, geladen. Er wollte einen Überblick über Historie sowie die derzeitige Situation der elf Außenlager schaffen und die Frage diskutieren, wie ein Gesamtkonzept zur Gedenkarbeit aussehen könnte, ein Konzept das von allen Beteiligten gemeinsam getragen wird. Doch die Emotionen kochten an der im Vorfeld von Historikern kritisierten Opferzahl und dem Alleingang der Kauferinger Gedenkarbeit hoch, sodass Dürr als Moderator an diesem Abend große Mühe hatte, die Versammlung in angemessenen Bahnen zu halten. Dabei gab er zu bedenken, dass sowohl der wissenschaftliche Ansatz als auch der emotionale Zugang mit all seiner Symbolhaftigkeit nicht im Gegensatz stehen müssten. Jedoch sollten die Fakten historisch belegt sein. Der Grünen-Abgeordnete betonte noch einmal, wie wichtig es sei, Erinnerungsarbeit zu leisten, doch müsse man mit Blick auf Kaufering über das Wie reden. Besserwisserisch Und das taten denn auch die Podiumsteilnehmer. Dr. Bühler machte als „Bürgermeister und Mensch“ deutlich, dass Gedenkarbeit nur über das Erinnern möglich sei. Dabei sieht er Parallelen zum Beten, das jedem freigestellt und etwas ganz persönliches sei. Bühler: „Keiner kann uns vorschreiben, wie wir unsere Gedenkarbeit machen. Es gibt keine Gedenkbehörde.“ Mit Blick auf die Kritik der Historikerin Dr. Raim, die sowohl die Symbolik des Mahnmals am Bahnhof als auch den Gedenkort des Waggons samt Rampe für falsch hält, sagte der Rathauschef: „Wir sehen keine Veranlassung am Gedenkort Rampe zu rütteln.“ Auch lehnte das Gemeindeoberhaupt eine Zusammenarbeit mit den Historikern kategorisch ab: „Wir haben bisher keine wissenschaftliche Begleitung erfahren und werden auch in Zukunft ohne diese auskommen.“ Darüber hinaus seien die Äußerungen der beiden Historikerinnen „arrogant und besserwisserisch“, ihre Darstellungen „ungezogen“. Dies sei „nicht unser Stil in Kaufering.“ Problematisches Konzept Davon unbeeindruckt vertrat Dr. Raim ihren Standpunkt, dass sie das Konzept der Kauferinger Gedenkarbeit für „problematisch“ hält. Zum einen sei der Standort am Bahnhof „deplatziert“ und zum anderen sei die Symbolik des Mahnmals sowie der Inhalt der Mahntafel „irreführend“ und „falsch“. Auch der Gedenkort „Rampe“ vermittle aus historischer Sicht ein völlig falsches Bild. „Warum nach so vielen Jahren der Ruhe, jetzt plötzlich die Gedenkarbeit in diesem Rahmen vollzogen wird, bleibt dem Mahnmalstifter Schreiber und der Gemeinde überlassen.“ Die Frage, ob dies aus eitler Selbstdarstellung geschehe, ließ Dr. Raim offen. Für sie als Historikerin sei es wichtig, dass die Zahlen stimmen. Wenn nicht, könnte man mit Blick auf die Mahntafel, auch die anderen Inhalte infrage stellen und dies sei absolut nicht wünschenswert. Für sie, Raim, wäre es wichtig gewesen, im Vorfeld diese öffentliche Diskussion zu führen. Ihr Wunsch wäre es, dass Kaufering eine „Konferenz der Überlebenden“ einberuft, denn es gebe noch einige, die es zu hören gilt und deren Wissen und Erlebtes in die Gedenkarbeit einfließen könnte. Dr. Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, bietet trotz der ablehnenden Haltung Dr. Bühlers nach wie vor eine Zusammenarbeit an. Weiterhin machte sie deutlich, dass Gedenkprojekte wissenschaftlich begleitet werden müssen, jedoch nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Sie verwies auf einen Arbeitskreis, der sich bereits seit 2006 intensiv mit einem Gedenkkonzept für die KZ-Außenlager beschäftigt hat. Dieser werde seine Arbeit auch ohne Kaufering fortsetzen, wenngleich sie die ablehnende Haltung sehr bedauere. "Nicht mit mir!" Ebenso wie Bühler rückte Mahnmalstifter Dr. Friedrich Schreiber nicht von seiner Position ab. Aus seiner Sicht stehe das „richtige Mahnmal am richtigen Ort“. Mit Blick auf die Opferzahl machte er deutlich, dass auch die Toten, die an den Folgen der schweren Arbeit in den Lagern später verstorben seien, mit angeführt werden müssten. „Was wäre das für ein Gedenken, wenn wir diese nicht mit in unsere Gedenkarbeit einbeziehen würden. Mit einem Typ wie mir ist das nicht zu machen.“ Schreiber weiter: „Sollte die Zahl von 14500 Toten als wissenschaftlich ausgewiesen werden, dann gute Nacht.“ Moderator Dr. Sepp Dürr blieb am Ende der Veranstaltung nur die Anregung, über die geäußerte Kritik nachzudenken und ungeachtet der wohl unüberwindbaren Barrieren dennoch einen Weg zu finden, sich auf Augenhöhe anzunähern.

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