Zeit für geordnete Verhältnisse

Seit vielen Jahren trägt Filu­mena Marturano (Andrea Schmider) einen 100-Lire-Schein im Strumpfband, den ihr Domenico Soriano (Josef Steinle) für jene Liebesnacht zusteckte, in der ihr gemeinsamer Sohn gezeugt wurde. Von seiner Vaterschaft erfährt der neapolitianische Macho allerdings erst 25 Jahre später – kurz bevor er mit Filumena vor den Traualtar tritt. Ein Happy End, das die Bühne im Kulturforum am Freitag in ein wahres Blumenmeer verwandelte. Hier feierte die neue Produktion der Commedia Dießen, Edurardo de Filippos (1900 - 1983) Komödie „Filumena Marturano“ unter der Regie von Wolfgang Noack Premiere.

„Ein Kind ist ein Kind.“ Das sagte sich die käufliche Filumena in ihrem Leben insgesamt drei­mal. Eine Abtreibung, um danach im katholischen Italien wieder als „gutes Mädchen“ dazustehen, kam für sie nie in Frage. Stattdessen fütterte sie als Mätresse und „Dienstbolzen“ des wohlhabenden Domenico ihre drei Buben, die sie bei Pflegeeltern untergebracht hatte, heimlich durch. Im Alter von 48 Jahren scheint es ihr nun an der Zeit, geordnete Verhältnisse zu schaffen und ihre Lieben um sich zu scharen. Deshalb soll Domenico seine liederlichen Affären mit jungen Mädchen endlich unter­las­- sen und ihr Ehemann werden. Dafür kämpft Filumena – zur Freude des Publikums – mit List und Tücke und wie eine Löwin. Eine italienische Mutter Courage, die Andrea Schmider geradezu auf den Leib geschrieben scheint. Der Funke springt über, wenn sie auf die Bühne rauscht, um Domenico ein ums andere Mal in Wort und Tat den Kopf zu waschen. Eduardo de Filippo, ein Chronist der kleinen Leute, schrieb das beliebte Volksstück im Jahr 1935. Nach zahlreichen Theaterinszenierungen wurde es ’64 mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni in den Hauptrollen verfilmt wurde. Erstaunlich professionell In Dießen geben ihm die erstaunlich professionell agierenden Laiendarsteller der Commedia viel Schwung: So wird aus dem eitlen, glutäugigen Domenico (Josef Steinle) unter Filumenas Knute mit 52 doch noch ein treu sorgender Familienvater. Auch wenn er nie erfährt, welcher junge Mann sein Sohn ist – schließlich soll er sich um alle drei, so Filumenas Philosophie, gleichermaßen kümmern. Ein Augen- und Ohren­schmaus ist Rosalia (Ange­lika Forster-Walter), Filumenas mütterliche Freundin, die keine Mittel scheut, um die Protagonistin in den Hafen der Ehe zu manö­vrieren – eben eine temperamentvolle, südländische Da­men­seilschaft. Klar, dass auch das Ambiente passt: Erwin Kloker (Bühne) zauberte in den Säulensaal des Kulturforums eine große Bühne, die stilsicher neapolitanisch möb­liert – selbst die Madonna mit dem Kinde fehlt nicht – eine raumgreifende Inszenierung möglich macht. Spätestens wenn sich bei italienischer Musik der Duft von Pizza alla Napoli, Spaghetti con Tonno und Torta Caprese al Limone im Saal ausbreitet – ein Mahl, das Domenico eigentlich mit seiner chicen Flamme Diana (Katrin Seifert) einnehmen wollte – sind auch die Zuschauer am Fuße des Vesuvs angekommen. Talentschmiede Grund zur Freude gibt auch die Tatsache, dass sich die Commedia einmal mehr als Talentschmiede betätigte: Da ist zum Beispiel das hübsche, schlagfertige Dienstmädchen Lucia (Liza Hoeltz), dass von Kostümbildnerin Ellen Pauldrach knackig ver­packt, viel Bühnenpräsenz und Witz ins Spiel bringt, oder der heißblütige Riccardo (Enrico Renault) der den italienischen Macho-Kult gekonnt pa­ro­diert. Kurzum: Mit „Filumena Marturano“, einem neapolitanischen Volksstück, in dem die Frauen die wirklichen Heldinnen sind, ist „bella Italia“ ein Stück näher gerückt und lässt die Zuschauer den bayerischen Winter für einige unterhaltsame Stunden vergessen. Weitere Vorstellungen sind am 19., 20., 26. und 28. Februar sowie 5. und 6. März, jeweils um 19.30 Uhr. Weitere Information: www.commedia-diessen.de.

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