"Zwei kaputte Menschen"

Zwei kaputte Menschen, die sich aneinander klammern, weil sie verzweifelt Halt suchen.“ So beschrieb der Bewährungshel­fer vergangene Woche vor dem Amtsgericht Landsberg die Beziehung eines 40-jährigen Angeklagten aus Kaufering zu der Frau, die er laut Staatsanwaltschaft geschlagen und misshandelt hat und die er nach einem Selbstmordversuch stundenlang am Boden liegen ließ. Ob die Vorwürfe zutreffen, ist noch nicht klar. Richterin Beate Kreller setzte die Verhandlung aus, um ein Sachverständigengutachten einzuholen. Klar ist nur eins: Für den Angeklagten, einen schweren Alkoholiker, geht es um alles.

Der 40-Jährige stammt aus einem soliden Elternhaus und führte früher selbst ein bürgerliches Leben. Der ausgebildete Elektriker hatte Frau und Kind, spielte in seiner Freizeit gerne Fußball. Die Trennung von seiner Partnerin ließ ihn in Alkoholmissbrauch und Straffälligkeit abstürzen. In den letzten zehn Jahren habe der Mann rund drei Jahre in Freiheit verbracht und ansonsten hinter Gittern gesessen, berichtete Bewährungshelfer Hans Klingenstein, unter anderem wegen Betrugsdelikten. Zwei Fälle von Betrug sind auch diesmal unter den Anklagepunkten und wurden von dem 40-Jährigen auch unumwunden zugegeben. So prellte er ein Taxiunternehmen um 88 Euro und legte seiner Vermieterin einen gefälschten Arbeitsnachweis vor. Das Geld habe er der Taxifirma inzwischen zurück gezahlt, „und bei der Vermieterin habe ich mich entschuldigt“. Den Vorwurf der Körperverletzung aber bestreitet der Angeklagte. Seine Ex-Freundin, die derzeit selbst wegen Betrugs in Haft sitzt, behauptet, er habe sie an einem Abend im Januar 2010 in der gemeinsamen Wohnung in Kaufering geschlagen und eine brennende Zigarette auf ihrem Unterarm ausgedrückt. Anschließend habe sie aus Ver­- zweiflung Schlaftabletten genommen, um sich umzubringen. Erst am nächsten Tag rief der Angeklagte einen Rettungswagen. „Ich habe gedacht, sie hat gesoffen und will schlafen“, rechtfertigte sich der 40-Jährige. Erst am nächsten Morgen habe er gemerkt, dass da etwas nicht stimmte. Geschlagen habe er seine Freundin nie. Vielmehr habe sie als Prostituierte gearbeitet und sei von einem Freier misshandelt worden. „Ich habe die Verletzungen noch selbst mit dem Handy fotografiert.“ Tatsächlich lagen dem Gericht die Bilder vor, allerdings ohne Datum. Die Geschädigte erinnerte sich bei der Befragung zunächst nur an „eine Watsch'n“, später auch daran, dass ihr Freund sie an den Haaren aus der Dusche gezerrt und getreten habe. Auch sei er sehr eifersüchtig gewesen. „Er hat mich in der Wohnung eingesperrt und ständig mein Handy kontrolliert, weil er dachte, ich hätte Kontakt zu Freiern.“ Trotzdem habe sie Heiratspläne ge­- schmiedet und schrieb noch aus dem Gefängnis Liebesbriefe an ihren Freund. Der aber zog sich zurück. „Ich habe gemerkt, die Frau tut mir nicht gut. Jetzt will sie mir eins auswischen“, sagte er vor Richterin Kreller. Der 40-Jährige begann eine Langzeittherapie gegen seine Alkoholsucht und lebt inzwischen in einer sozialtherapeutischen Einrichtung bei Erding. Damit erfüllt er eine Bewährungsauflage aus seiner letzten Verurteilung. Und hier liegt das Dilemma: Richterin Kreller könnte im laufenden Verfahren die Unterbringung des Angeklagten in einer Entziehungsanstalt anord­- nen. Dann allerdings müsste er anschließend noch die alte Haftstrafe absitzen. „Eine weitere Gefängnisstrafe bringt ihn nicht weiter“, warnte Klingenstein. Die Therapie sei seine einzige Chance, dauerhaft in ein normales Leben zurückzufinden. Das Gericht entschied deshalb, zunächst ein psychiatrisches Gutachten in Auftrag zu geben, bevor die Verhandlung fortgesetzt wird.

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