Flüchtlingshilfe an der Balkan-Route

"Dort ist die Not viel größer"

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Eine Familie auf dem Weg ins Flüchtlingscamp.

Schongau – Der Flüchtlingsstrom aus den Krisenregionen nach Europa reißt nicht ab. Allein in Deutschland gilt es jeden Tag tausende Neuankömmlinge zu versorgen und unterzubringen. Viel schlimmer sind die Zustände jedoch entlang der sogenannten Balkan-Route. Ohne die vielen freiwilligen Helfer wäre die Situation dort längst außer Kontrolle geraten. Einer, der vor Ort angepackt hat, ist Ralf Schnabel. An diesem Freitag will der Schongauer erneut an die serbisch-kroatische Grenze aufbrechen. Der Kreisbote sprach mit ihm über seine Erlebnisse im Flüchtlingslager, die wachsenden Ängste in Deutschland und warum er die lange Reise ein zweites Mal auf sich nimmt.

Herr Schnabel, wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich in einen Transporter zu setzen und zum Flüchtlingscamp Opatovac an der serbisch-kroatischen Grenze zu fahren? 

Schnabel: „Total spontan. Ich habe ein Video gesehen, wo freiwillige Helfer der IHA (InterEuropean Human Aid Associaton, die Red.) von ihrem Einsatz berichteten. Da konnte ich nicht länger zuschauen und wollte selbst helfen, wo die Not am größten ist. Ich habe Kontakt zur IHA aufgenommen und binnen 48 Stunden stand die Aktion.“

Warum ausgerechnet nach Opatovac? 

Schnabel: „Ich hatte kein Problem damit, zehn Stunden Auto zu fahren. Und dort ist die Not viel größer als bei uns in den Turnhallen.“

Wie haben Sie die Situation vor Ort erlebt?

Schnabel: „Ich war überrascht, wie friedlich und ruhig es zuging, obwohl dort mehrere tausend Menschen auf engstem Raum und schlimmen Bedingungen leben. Überall ist es schlammig, 80 bis 100 Leute teilen sich ein Zelt, geschlafen wird auf Paletten. Dazu kommt die Bürokratie. Wir durften mit unserem Transporter erst gar nicht ins Lager fahren, sondern mussten die Sachen per Schubkarren einen halben Kilometer weit fahren.“

Woran hapert es den Menschen am meisten? 

Schnabel: „Warme Kleidung und Schuhe. Viele kommen mit Sandalen. Ich habe erst einmal von dem Geld, das wir dabei hatten, 50 Paar Schuhe gekauft. Mittlerweile habe ich gehört, dass es jetzt auch an Nahrungsmitteln fehlt, den Freiwilligen geht das Geld aus. Und von den Behörden kommt kaum Unterstützung.“

Gab es einen Vorfall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Schnabel: „Das schlimmste war, als eines Nachts 3000 Menschen über die Grenze kamen. Sie mussten, weil keine Busse mehr fuhren, zu Fuß zum Camp laufen, eingepfercht zwischen Polizisten. Eine kilometerlange Karawane. Ich bin mir vorgekommen wie im Zweiten Weltkrieg. Die Leute waren verzweifelt und fix und fertig. Wir sind dann mit unserem Transporter die ganze Nacht hin und hergefahren, um so viele wie möglich abzuholen und ins Camp zu bringen.“

Der Winter wird die Lage noch verschärfen. 

Schnabel: „Das stimmt. Bislang hatten wir Glück mit dem Wetter. Aber wenn es richtig kalt wird, kann man davon ausgehen, dass Menschen auf der Balkan Route sterben werden."

Viele Flüchtlinge wollen nach Deutschland. Sind Sie angesichts der katastrophalen Zustände in Versuchung geraten, auf dem Rückweg einigen eine Mitfahrt anzubieten?

Schnabel:  „In Versuchung schon, aber das Risiko wäre zu groß gewesen. In Österreich sind wir auf der Heimfahrt mitten in der Nacht kontrolliert worden. Da hätten wir mit Sicherheit Probleme bekommen. Aber gerade, wenn man die Familien mit Kindern sieht, spielt man so eine Option natürlich durch.“

Hierzulande wächst vielerorts der Unmut über den nicht abreißenden Strom an Flüchtlingen nach Deutschland. Was sagen Sie diesen Leuten?

Schnabel:  „Es gibt da einen guten Vergleich. Stell dir vor, es sind 80 Leute in einer Kneipe und einer kommt rein. Genau diese Situation haben wir jetzt, wenn eine Million Flüchtlinge zu uns 80 Millionen Deutsche kommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir es geschafft, mehrere Millionen zu integrieren. Warum sollte uns das nicht auch diesmal gelingen? Ich kann auch nur jedem raten, selbst Kontakt mit den Flüchtlingen aufzunehmen, um sich ein eigenes Bild zu machen.“

Sie werden Freitagnacht erneut aufbrechen, um bis Dienstag im neu eingerichteten Winterlager bei Slavonki zu helfen. Was treibt Sie an, die Strapazen erneut auf sich zu nehmen?

Schnabel:  „Wenn ich könnte, würde ich nur noch das machen. Aber das lässt meine Arbeit als Selbständiger nicht zu. Mir persönlich hat der erste Besuch viel gegeben. Zu erleben, wie Freiwillige aus aller Welt anpacken, um die Not zu lindern und die Dankbarkeit in den Gesichtern der Flüchtlinge zu sehen, ist ein unglaubliches Gefühl.“

Wer wird Sie begleiten? 

Schnabel: „Die gleichen wie beim letzten Mal. Dominik Kugelmann und Mariella Burgos. Beide haben sofort gesagt, dass sie wieder mitkommen.“

Wenn jemand Sie unterstützen will, wie kann er oder sie das am besten tun? 

Schnabel: „Am notwendigsten sind Winterkleidung und Schuhe, am besten gleich mit Socken. Auch Bargeld nehmen wir gerne an, um vor Ort benötigte Sachen kaufen zu können.

Interview: Christoph Peters

Wer helfen will, kann noch am Freitag von 8 bis 16 Uhr Spenden bei Ralf Schnabel in der Gimpelstraße 5 in Schongau abgeben. Gebraucht werden Winter- oder Regenbekleidung (Ponchos), Schuhe (mit Socken), Schlafsäcke, Zelte und Isomatten sowie Bargeld. Kontakt: 08861/910719.

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