Mit Giftgas gegen den Holzwurm

In vielen Figuren der Heilig-Geist-Kirche St. Anna hat der Holzwurm bereits seine Spuren hinterlassen. Fotos: Sgoff

– Er hört auf den unscheinbaren lateinischen Namen Anobium punctatum, umgangssprachlich wird er einfach Holzwurm genannt. Doch der gemeine Nagekäfer ist alles andere als eine harmlose Insektenart, denn seine Larven fressen sich am liebsten durch Holz und richten dabei massive Schäden an. Sein jüngstes Opfer: die Heilig-Geist-Spital-Kirche in Schon­gau. Bereits im vergangenen Jahr begann Diplom-Restaurator Rainer Sgoff mit Voruntersuchungen, wie man dem ungeliebten Gast am besten beikommen könnte. Die Ergebnisse seiner Untersuchung präsentierte er nun dem Stadtrat, der dies zum Anlass nahm, über eine Generalinstandsetzung der 278 Jahre alten Kirche zu debattieren.

Dass diese nötig ist, machte Thomas Ola vom Stadtbauamt klar. Die Kirche sei sowohl außen als auch innen „restaurierungsbedürftig“, sagte er. Die letzte Innensanierung datiert laut Ola aus dem Jahr 1961, zuletzt seien 1986 die Fassaden renoviert und das Dach erneuert worden. Während der Dachstuhl deshalb „in Ordnung“ sei, sei es etwa um Gemälde, Altäre und Skulpturen weniger gut bestellt. Bei ersteren bestehe mittelfristig Restaurierungsbedarf, so der Stadt-bauamtsmitarbeiter: „Die Ästhetik ist stark eingeschränkt.“ Gravierender jedoch ist der Holzwurmbefall, wie Diplom-Restaurator Rainer Sgoff den Gremiumsmitgliedern erläuterte. Nachdem sich 2010 ein Teil eines geschnitzten Holzornaments durch einen Blitzeinschlag gelöst und herab-gestürzt war, beauftragte die Stadt den Fachmann mit der Untersuchung. Sgoff nahm daraufhin im vergangenen Jahr alle Holzelemente in der Kirche unter die Lupe, von Altären, über Skulpturen, bis hin zum Laiengestühl und historischen Schränken und Fußböden in den Gängen und der Sakristei. Überall fand der Restaurator Spuren des Holzwurms, teilweise hat dieser bereits Holzdübel, mit denen die Figuren an der Wand befestigt sind, angefressen. Das Laiengestühl sei durch Fäulnisschäden bereits so stark angegriffen, führte Sgoff aus, dass „das Eichenholz eigentlich gar nichts mehr trägt.“ Um dem Holzwurm zu Leibe zu rücken, sei eine Begasung des Kirchenraums nötig, erklärte der Fachmann. Da die Kirche mit dem Altenheim und der Altenpflege-Schule verbunden ist, müssten für diese Zeit – in der Regel drei Tage – die angrenzenden Räume evakuiert und die Gehsteige in der Karmeliterstraße gesperrt werden. Als Zeitraum sei der August ideal, da dann die Schule nicht genutzt werde und auch die Temperatur über 15 Grad läge – eine Voraussetzung für die Begasung. Auf die Nachfrage, welches Gas zum Einsatz komme, antwortete Sgoff: „Wir setzen Schwefelgas ein, weil es eine hohe Effizienz hat.“ Eine Alternative sei Stickstoff, wie es etwa im Marienmünster in Dießen benutzt worden sei, doch dieser benötige eine längere Einwirkzeit und sei fünf bis sechsmal teurer, erläuterte der Experte. Im Anschluss werde mit Borsalz ein Holzschutzmittel als Prophylaxe aufgetragen. Auf zehn Wochen bezifferte Sgoff die benötigte Zeit für das Projekt. Die Kosten schätzte er auf rund 213000 Euro. Prinzipiell könne man bereits im Sommer beginnen, erklärte Stadtbaumeister Ulrich Knecht, dagegen spreche allerdings die Aussicht auf Förderung durch den Entschädigungsfond. Dieser könnte laut Knecht nämlich 70 Prozent der Gesamtkosten tragen, greife aber wohl nur für ein Gesamtinstandsetzungskonzept. Weniger problematisch sei die Förderung durch das Landesamt für Denkmalpflege, den Bezirk Oberbayern und die bayerische Landesstiftung, die jeweils zehn Prozent der Kosten tragen würden. Während Bürgermeister Karl-Heinz Gerbl (SPD) daher dafür plädierte, erst das Gesamtinstandsetzungskonzept abzuwarten, forderte Michael Eberle (CSU) mit dem ersten Bauabschnitt im Sommer zu beginnen, um weiteren Schaden zu verhindern. „Es ist höchste Zeit. Und 30 Prozent Förderung sind auch was wert.“ Dem widersprach Robert Bohrer (SPD). „Wenn wir es um ein Jahr verschieben, ist nicht viel verloren. Die Kirche stürzt deswegen nicht zusammen. Hier geht es um 140000 Euro, die wir uns sparen können.“ Stephan Hild (UWV) kritisierte, dass für eine fundierte Entscheidung die genauen Modalitäten des Entschädigungsfonds fehlten. Das sah auch Gerbl ein, der daher vorschlug, die Bedingungen bis zur nächsten Stadtratssitzung am kommenden Mittwoch zu ermitteln. Dass der Zeitplan für einen Beginn in diesem Sommer so oder so bereits knapp sei, darauf wies Helmut Hunger (CSU) hin. Schließlich sei die nötige Ausschreibung noch gar nicht vorbereitet. „Das werden wir gar nicht mehr schaffen.“ Ganz so schwarz sah es der Stadtbaumeister nicht. Aber auch Knecht räumte ein: „Es geht um jede Woche.“

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