Untersuchungsbericht vorgelegt

Schongauer Stadtmauer: Überraschende Erkenntnisse

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Das Bild zeigt die westliche Stadtmauer im Hinterhof der Pizzeria Garibaldi. Gelb markiert sind moderne Eingriffe und Ergänzungen. Zinnen der Bauphase 2 (2. Hälfte 14. Jhdt./um 1400?) sind mit 8a,b bis 11a,b markiert. Befund 15 zeigt das Wehrgangniveau der Bauphase 2. Die Aufstockung in der Bauphase 3 (1430/40-80?) lässt sich an Befund 12 erkennen. Dazu gehören auch die Schießscharten an den Punkten 3 bis 6. In der darunter liegenden Mauer (Befund 1) stecken sowohl Bauphase 1 (wohl um 1220/30) als auch Bauphase 2 (wegen des starken Verputzes kaum voneinander trennbar).

Schongau – Sie zählt zu den am besten erhaltenen Stadtmauern in ganz Bayern, doch natürlich sind die Jahrhunderte auch am Schongauer Bauwerk nicht spurlos vorüber gegangen. Seit Februar untersuchen Experten den Zustand des Einzeldenkmals. In der jüngsten Stadtratssitzung legten sie ihren ersten Zwischenbericht vor.

Joachim Zeune ist Burgenforscher. Wenn es darum geht, alte Gemäuer zu untersuchen, zählt er zu Deutschlands führenden Experten. Dass er diesen ungewöhnlichen Beruf mit der Leidenschaft betreibt, nimmt man ihm sofort ab, wenn man ihn über seine Projekte reden hört. 

Schon als Zeune im März zum ersten Mal vor Ort war, um zu untersuchen, ob die Stadtmauer am Sonnengraben einsturzgefährdet sei oder nicht, konnte er seine Begeisterung über das Schongauer Bauwerk nicht verhehlen. Als der Experte in der jüngsten Stadtratssitzung einen ersten Zwischenbericht über den Zustand der gesamten Mauer ablieferte, dürfte auch dem letzten Stadtrat klar geworden sein, welches Kleinod da die eigene Altstadt umgibt. 

Zeune beschrieb die Stadtmauer als „herausragendes Symbol für die Stadt“ mit wenig Substanzverlusten, die ungewöhnlich gut erhalten sei. In ganz Bayern gebe es nur wenig vergleichbares. Akribisch hatten sich Zeune und sein Team in den vergangenen Monaten durch historische Aufzeichnungen zur Stadtmauer gewühlt und das 1,6 Kilometer lange Bauwerk unter die Lupe genommen. Dabei entdeckten die Experten allerhand Überraschendes. 

Das fängt beim Alter an. Bislang war man davon ausgegangen, dass die Stadtmauer ab 1225 entstand. Laut Zeune deutet der älteste Bestand, der teils bis in drei Meter Höhe reicht, auf einen Bau zischen 1200 und 120 hin. Zwei weitere Bauphasen um 1400 und 1430/40 folgten. In ersterer wurde die Stadtmauer um einen Zinnenkranz erweitert, der in zweiterer übermauert wurde, um Schießscharten in den Zinnenlücken zu schaffen. 

Dort stieß Zeune auf einige erhaltene Prellhölzer – ein spektakulärer Fund. Denn die Balken, an denen einst die Hakenbüchsen eingehängt wurden, um den großen Rückstoß beim Schießen abzufangen, lassen mittels einer weiteren Untersuchung eine genaue Datierung zu. In Bauphase drei entstand außerdem der Wehrgang, der noch an einigen Stellen zu sehen ist. 

Auch über die Stadtmauer im Bereich des Sonnengrabens gab es neue Erkenntnisse. So stamme das Fundament aus dem 14. oder 15. Jahrhundert, was laut Zeune darauf schließen lässt, dass die damaligen Bauherren schon einmal Probleme mit der Standsicherheit der Mauer in diesem Bereich hatten. So deute vieles auf einen Hangrutsch hin, auf Grund dessen die Stadtmauer zurückgesetzt werden musste. „Das würde auch den verdrehten Polizeidienerturm erklären.“ 

Während Zeune und sein Team hinsichtlich der Einsturzgefahr der schrägstehenden Stadtmauer am Sonnengraben nach eingehender Untersuchung schon vor Monaten Entwarnung geben konnten, haben die Experten noch acht weitere Stellen mit akuten Schäden ermittelt. Hier müssten weitere Untersuchungen durchgeführt werden. Diese Auftragserweiterung, zu der auch die exakte Datierung zählt, genehmigte der Stadtrat einstimmig. 

Noch nicht abgeschlossen ist auch die Arbeit am Erschließungskonzept. Schon jetzt zeigte sich Zeune begeistert über das touristische Potential, das das historische Bauwerk biete. So biete sich vor allem der 430 Meter lange Wehrgang an der Ostseite geradezu für einen Themenweg an, erklärte Zeune. „Man könnte dort Infotafeln aufstellen, die die Geschichte erläutern.“ Auch eine hölzerne Figur, die das Schießen mit einem Hakengewehr demonstriere, sei eine Möglichkeit. 

Bis dahin dürfte es allerdings noch ein wenig dauern. Stadtbaumeister Ulrich Knecht schätzte, dass bis zur vollständigen Sanierung wohl zwischen fünf und acht Jahre vergehen würden.

Christoph Peters

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