Toboggan ist zum 80. Mal auf der Wiesn – "Nur zehn Prozent bleiben stehen"

Was tragen Schotten unter dem Rock?

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Claus Konrad stammt aus einer Schaustellerfamilie mit langer Tradition. Er betreibt den Toboggan einmal im Jahr zur Wiesn. Auch Mutter Astrid ist voller Elan dabei. Das restliche Jahr liegt die Rutsche in einer Lagerhalle.

Schongau – Was haben Schotten eigentlich unter dem Rock? Claus Konrad hat das an seinem Toboggan schon herausgefunden. Seit 80 Jahren steht die Rutsche Jahr für Jahr auf dem Oktoberfest und hat dabei schon einiges erlebt...

Höher, schneller, spektakulärer – die Fahrgeschäfte auf der Wiesn übertrumpfen sich von Jahr zu Jahr gegenseitig. Doch nicht etwa vor wilden Loopings oder den neuesten Karussellen sammeln sich Menschentrauben an Schaulustigen, sondern vor dem Toboggan. Das Laufband, das zur Rutsche führt, überstehen nur zehn Prozent aufrecht – für Zuschauer ein Heidenspaß. Seit 80 Jahren steht der Toboggan auf dem Münchener Oktoberfest, dabei hat er trotz seines Alters weder Charme noch Unterhaltungswert eingebüßt. Sein Inhaber Claus Konrad, dessen Familie Wurzeln in Schongau hat, erzählt, warum eine Rutschpartie sich lohnt. 


„1 658 Lichter leuchten an Toboggan. Ist es da nicht schlimm, dass es bald keine normalen Glühbirnen mehr gibt?“ 

Claus Konrad: „Nein, im Gegenteil. Es macht sogar weniger Arbeit. Zu 70 Prozent sind wir schon auf LEDs umgestiegen. Die halten länger.“ 

„Stören LEDs nicht die Optik?“ 

Konrad: „Es dürfen natürlich keine mit kaltem Licht sein. Es gibt schon passende.“

 „Am Toboggan erlebt man bestimmt lustige Situationen. Welche vergessen Sie nie?“ 

Konrad: „Es heißt ja, dass Schotten untenrum nichts anhaben...“ 

„Und? Stimmt’s?“ 

Konrad: „Ja. Ich habe es hautnah miterlebt, als eine Gruppe von zehn oder zwölf Schotten zum Rutschen kam. Einer nach dem anderen ist gerutscht und die Röcke flogen.“ 

„Wie kam der Toboggan überhaupt in Ihren Besitz?“ 

Konrad: „So ganz genau wissen wir das selbst nicht. Wahrscheinlich hat ihn meine Oma 1920 aus Amerika mitgebracht.“

„Damals war er bestimmt eine Sensation?“ 

Konrad: „Und sogar nochzehn Meter höher. Es gab zweiRutschen. Eine davon, der Hexenkessel,endete im Stroh. Daswar aber zu viel Aufwand undder Turm wurde gekürzt – dasmüsste in den 30er-Jahren gewesensein. Die Wiesnbesucherhaben trotzdem Spaß und auchdie eine Rutsche macht viel Arbeit.“

„Wie lange brauchen Sie, bis alles steht?“ 

Konrad: „Auf der Wiesn etwa zwei Wochen. Da wird aber auch alles gründlich gewaschen und besonders schön hergerichtet“. 

„Und gewartet?“ 

Konrad:„Das passiert schon davor. Beim Abbau sammeln wir Teile, die überholt werden müssen, separat. Ein Angestellter kümmert sich dann etwa von März bis Oktober darum.“ 

„Wieviele Leute arbeiten während der Wiesn am Toboggan?“ 

Konrad: „Beim Aufbau sind wir zu viert. Während des Betriebs dann etwa zu zehnt.“ 

„Wo finden Sie Mitarbeiter?“ 

Konrad: „In der Kasse sitzt nur die Familie. Viele der anderen Helfer sind Freunde. Die nehmen sich extra Urlaub für die zwei Wochen.“ 

„Das Team ist also eingespielt?“ 

Konrad: „ Ja. Vor allem diejenigen, die am Band laufen, müssen gut geschult sein. Sie sorgen immerhin dafür, dass alle Besucher sicher hochkommen.“

 „Wie lange werden sie eingearbeitet, damit alles klappt?“ 

Konrad: „Zehn Tage Betrieb sollten es schon sein. Ich selbst hab auch lange gebraucht.“ (lacht) 

„Und während der Wiesn wohnen alle auch dort?“ 

Konrad: „Meine Familie wohnt in einem Wohnwagen. Der ist auch schon 80 Jahre alt und darf nur 25 km/h fahren. Bis zur Theresienwiese brauchen wir vier Stunden. Der Rest des Teams wohnt in der Mannschaftsunterkunft oder ist ohnehin aus München.“ 

„Und was ist mit Ihrer regulären Arbeitsstelle?“ 

Konrad: „Ich bin Soldat in Lagerlechfeld. Bisher hatten meine Vorgesetzten immer Verständnis.“ 

„Was ist mit Ihren Kindern?“ 

Konrad: „Der Große arbeitet schon und der Neunjährige darf in der Oktoberfestzeit in eine Schule in München. Das ist für ihn natürlich immer sehr spannend. Und auch die Klassenkameraden sind neugierig, was so ein Schaustellerkind alles erlebt.“ 

„Sie freuen sich also alle schon auf die Wiesn?“ 

Konrad: „ Klar. Schon im Juli sind alle heiß auf die schöne und erlebnisreiche Zeit.“ 

„Die aber bestimmt anstrengend ist?“ Konrad: (lacht) „Nach sechs Wochen in München bin ich dann schon immer froh, wenn’s rum ist.“ 

„Danke für das Gespräch!“ 


Von Ursula Gnadl

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