Tafel-Leiter Christian Meier im Interview

Zehn Jahre Schongauer Tafel: "Die Nachfrage steigt stetig"

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Die Lebensmittel werden von den ehrenamtlichen Helfern der Schongauer Tafel jeden Donnerstag sortiert und auf ihren Zustand überprüft, bevor sie verteilt werden.

Schongau – Für die Schongauer Tafel ist 2015 ein besonderes Jahr. Die soziale Einrichtung, die Bedürftige aus Schongau und Umgebung mit Lebensmitteln versorgt, feiert heuer ihr zehnjähriges Bestehen. Der KREISBOTE sprach mit ihrem Leiter Christian Meier, 39, über steigende Nachfrage, heiß begehrte Zahnbürsten und warum sein dringlichster Wunsch wohl nie in Erfüllung gehen wird.

Herr Meier, 1995 öffnete die Tafel in Schongau zum ersten Mal ihre Türen. Wie ist die Idee damals entstanden?

Meier: „Die Initiative kam von der evangelischen Kirchengemeinde, die Bewegung der Tafeln in Deutschland war ja damals gerade im Entstehen. Ziel war und ist es, der Lebensmittelverschwendung Einhalt zu gebieten, in dem man den anfallenden Überschuss in den Supermärkten Bedürftigen zur Verfügung stellt. Gemeinsam mit Herzogsägmühle als Kooperationspartner ist das Projekt dann gestartet.“ 

Wie hat sich die Nachfrage seitdem entwickelt? 

Meier: „Man kann sagen, dass sie stetig zunimmt. Am Anfang hatten wir zwischen 40 und 50 Klienten, mittlerweile sind wir bei 80 bis 90 Haushalten angelangt. Darunter ist auch eine Familie mit acht Kindern. In den zehn Jahren haben rund 700 Haushalte Leistungen der Tafel in Anspruch genommen.“ 

Wie erklären Sie diese Zunahme? 

Meier: „Immer mehr Menschen leiden unter prekären Einkommensverhältnissen. Dazu zählen jene, die auf Hartz IV angewiesen sind, weil sie keine Arbeit mehr finden, aber auch jene, die trotz eines Jobs zu wenig verdienen. Zu uns kommen auch viele Rentner, deren Rente nicht reicht, oder chronisch Kranke, die monatlich hohe Kosten zu tragen haben.“ 

Wer darf denn die Hilfe der Tafel in Anspruch nehmen? 

Meier:„Alle sozialschwachen Personen aus Schongau und der Umgebung, deren Einkommen den Sozialhilfesatz plus 50 Euro pro im Haushalt lebender Person nicht übersteigt. Um das zu ermitteln, führen wir am Anfang eine Bedürftigkeitsprüfung durch. Viele kennen ihre Ansprüche gar nicht. Wir hatten neulich den Fall einer 92-jährigen Rentnerin, die kam und bat um einen Laib Brot. Dabei stellte sich heraus, dass sie seit 32 Jahren von 320 Euro im Monat lebte, weil sie gedacht hatte, dass sie vom Staat keine weiteren Hilfen bekommen könnte, da sie ja schon Rente bezieht.“ 

Wie oft verhindert die Scham den Gang zur Tafel? 

Meier: „Sehr oft. Gerade in der Schuldnerberatung lernen wir immer wieder Leute kennen, die sagen, sie trauen sich nicht zur Tafel. Für viele ist es unvorstellbar, am Donnerstag vor der Ausgabe zu warten, um Lebensmittel geschenkt zu bekommen. Manche überwinden sich nur für ihre Kinder. Man muss aber auch klar sagen, dass wir überhaupt nicht die Möglichkeiten hätten, alle Berechtigten zu versorgen.“ 

Zumal die aktuelle Flüchtlingswelle auch die Tafeln vor Probleme stellt. 

Meier:„Tatsächlich haben wir immer mehr Anfragen von Asyl-Helfergruppen. Aufgrund unserer knappen Kapazitäten können wir aber eigentlich nur anerkannte Asylbewerber bedienen. Als Notlösung für jene, die sich im laufenden Verfahren befinden, haben wir zehn Berechtigungsausweise zu Verfügung gestellt, die die Verbände und Unterstützerkreise selbst verteilen können. Mehr geht aktuell nicht.“ 

Ihre Lebensmittel beziehen Sie von den örtlichen Supermärkten und Geschäften. Reicht das aus, um die Nachfrage zu befriedigen? 

Meier: „Sagen wir es so: Jeder, der kommt, wird ausreichend versorgt mit den Dingen, die wir gespendet bekommen haben. Wenn es die finanziellen Mittel erlauben, kaufen wir auch mal Sachen zu, die es in den Supermärkten nicht oft gibt.“ 

Welche Produkte sind am gefragtesten? 

Meier: „Waschmittel, Kaffee und Kosmetikprodukte. Die gibt es einfach nicht oft.“ 

Wie schaffen Sie es, dass am Verteiltag jeder zu seinem Recht kommt? 

Meier: „Damit alles reibungslos klappt, erwirbt jeder Klient vor der Verteilung für den symbolischen Preis von einem Euro ein Los mit einer Nummer, die die Reihenfolge beim Einlass regelt. So verhindern wir, dass sich die ersten schon früh am Morgen anstellen. Außerdem wissen wir so, wie viele Berechtigte es zu versorgen gilt und dementsprechend werden die vorhandenen Waren rationalisiert.“ 

Ohne helfende Hände geht das nicht. 

Meier: „Das stimmt. Derzeit arbeiten 42 Ehrenamtliche bei uns mit. Sie holen mit ihren Privat-Autos die Ware bei den Supermärkten, sortieren aus, was sich nicht mehr verwerten lässt, helfen bei der Verteilung und kümmern sich anschließend um die Müllentsorgung. Viele arbeiten bereits sei der ersten Stunde mit. Unsere älteste Mitarbeiterin ist 81 Jahre.“ 

Auch wenn Ihre Helfer kein Gehalt beziehen, ist Ihre Einrichtung auf finanzielle Hilfen angewiesen. 

Meier: „Ja, schließlich müssen wir Miete, Kühlhaus, Strom und so weiter bezahlen. Das summiert sich im Jahr auf 14000 Euro. Diese Unkosten versuchen wir über Spenden zu decken, was aber oft nicht gelingt. In dem Fall greift uns dann dankenswerter Weise Herzogsägmühle unter die Arme.“ 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? 

Meier: „Finanzielle Sicherheit. Es wäre super, wenn sich Firmen finden würden, die unser Projekt langfristig unterstützen. Am liebsten wäre mir aber, die Tafel würde überflüssig, doch das bleibt wohl nur ein Wunschtraum. Ich befürchte eher, dass Einrichtungen wie die unsere in Zukunft noch viel mehr gebraucht werden, wenn die Einkommensverhältnisse in unserer Gesellschaft noch weiter auseinander driften.“

Interview: Christoph Peters

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