Artenvielfalt vor eindrucksvoller Kulisse

Das Werdensteiner Moos im Nebel. Foto: Eva Veit

Das Werdensteiner Moos, gelegen zwischen Thanners, Lachen, Werdenstein und Eckarts, ist ein herausragendes Beispiel für die erfolgreiche Renaturierung eines jahrhundertelang ausgebeuteten Lebensraumes. Auf dem schön angelegten 3,5 Kilometer langen Mooslehrpfad erfährt man allerlei Wissenswertes über die Geschichte des Moores, seine Bedeutung für die Umwelt und seine Bewohner und kann nebenher die Schönheit dieses besonderen Lebensraumes bewundern.

Die Geschichte des Werdensteiner Moos beginnt am Ende der Würmeiszeit vor rund 20000 Jahren. Mit dem Zurückweichen der Gletscher bildeten sich in Gletscherwannen Schmelzwasserseen; an den Rändern lagerten sich mitgeführte Feinsedimente zu einer wasserundurchlässigen Schicht ab. In den folgenden Jahrtausenden häuften sich meterhohe Torfschichten an. Wurde der Torf seit dem Mittelalter in kleinem Rahmen für den Hausgebrauch abgebaut, begann man ab Mitte des 19. Jahrhunderts, das Moos großflächig abzutorfen. Benötigt wurde der Torf vor allem als Brennstoff für Dampflokomotiven. In den 1930er Jahren wurde damit begonnen, das Werdensteiner Moos zu „Kultivieren“, also vollständig trockenzulegen, um es künftig landwirtschaftlich zu nutzen. Dieses Projekt wurde nicht zu Ende geführt, die Entwässerungskanäle und Gräben des Abflusssystems findet man aber noch heute im Moos. Seit 1950 gilt das Werdensteiner Moos nun als Landschaftsschutzgebiet. 1983 wurde damit begonnen, das Moos zu wiedervernässen. Seit 1993 ist die Renaturierung ein Gemeinschaftsprojekt des Bundes Naturschutz Kempten-Oberallgäu und der Bayerischen Staatsforsten. Viele Freiwillige arbeiteten mit beim Bau von Staudämmen und bei großangelegten Rodungen. Inzwischen konnten die Grundbedingungen des Moores weitgehend wieder hergestellt werden - Nässe, Säure, Nährstoffarmut. Dieses „Klima“ ist ideal für das Wachstum der Hauptbildner des Torfes, der Torfmoose. Torfmoose können das 20 bis 30-fache ihrer Trockenmasse als Wasser speichern. Moore wachsen durch den Abbau abgestorbener Pflanzen und Bäume, weshalb man in ihnen eine große Menge an „Totholz“ vorfindet. Moore arbeiten wie ein riesiger Schwamm: sie lagern Wasser ein, binden aber auch Kohlendioxid und lagern Kohlenstoff ein. So wirken sie dem Treibhauseffekt entgegen und leisten somit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Intakte und renaturierte Moore leisten auch einen entscheidenden Beitrag zur biologischen Vielfalt, da sie als Lebensraum für viele bedrohte Tier- und Pflanzenarten dienen. Als typisches Moorgehölz sind Birken ein ständiger Wegbegleiter im Werdensteiner Moos. Birken sind genügsam gegenüber Nährstoffmangel, schnellwüchsig sowie abgehärtet gegen Frost und trotzen somit den schwierigen Bedingungen eines Moores. Im Totholz des Moores findet sich ein eigener, kleiner Lebensraum. Dort leben und wachsen Pilze, Moose, Flechten und viele unterschiedliche Insektenarten. Die verrottenden Baumstämme bieten unterschiedlichen Pilzarten wie Hallimasch, Zunderschwamm oder Birkenporling einen hervorragenden Nährboden. Holzwespen, Bockkäfer, Rosenkäfer oder auch Kupferstecher legen ihre Eier in das tote Gehölz. Das Moor ist ein Lebensraum der Extreme und stellt somit für die dort lebenden Tiere eine Herausforderung dar. Viele seltene „Moorspezialisten“, die sich an die schwierigen Lebensbedingungen hervorragend angepasst haben, leben heute, nach der Renaturierung, wieder im Werdensteiner Moos. Die ausgedehnten Wasserflächen des Moores bieten 38 Libellenarten ein Zuhause, das sind mehr als die Hälfte der in Bayern vorkommenden Arten. Darunter befinden sich die vom Aussterben bedrohte Große Moosjungfer und die Hochmoor-Mosaikjungfer. Auf den offenen Hochmoorflächen, den Streuwiesen und den Böschungen am Moorrand tummeln sich im Sommer 41 Schmetterlingsarten, darunter auch seltene Arten wie der Hochmoor-Perlmuttfalter. In den aufgestauten Entwässerungsgräben des Werdensteiner Mooses veranstalten im Frühjahr und Sommer tausende Grünfrösche ihre Konzerte. Biber bauen in den Gräben ihre Dämme, und mit viel Glück kann man eine seltene schwarze Kreuzotter beim Sonnenbad bestaunen. Auch für viele Vogel-Arten bietet das Moos ideale Bedingungen. Derzeit leben 45 Brutvögel dort, zudem bilden eine große Anzahl an Durchzüglern, Nahrungs- und Wintergästen eine bunte Vogelwelt. Spechtarten wie Schwarzspecht, Grünspecht oder Buntspecht profitieren vor allem von dem reichen Angebot an Totholz. Auch Birken- und Erlenzeisigen, Fichtenkreuzschnablern, Graureihern und natürlich einer Vielzahl von Entenarten kann man im Werdensteiner Moos begegnen. Der neu angelegte Mooslehrpfad ist als Rundweg über verschiedene Einstiegsorte erreichbar. Wer mit dem Auto kommt, parkt am besten am Parkplatz beim Haxenwirt in Thanners. Der weiche Hackschnitzelweg lässt sich auch mit Kinderwagen gut meistern. Ein Besuch im Werdensteiner Moos lohnt sich zu jeder Jahreszeit - sei es, um im Frühjahr die erwachende Natur und die zahlreichen Kaulquappen zu bestaunen, im Sommer die Schmetterlinge beim Froschkonzert zu beobachten, im Herbst eine Nebelwanderung in fast schon gruseliger Atmosphäre zu unternehmen oder im Winter einfach nur die ruhige Atmosphäre der schneebedeckten Landschaft zu genießen.

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