Großes Interesse an Informationsveranstaltung über Asylbewerber

"Die Menschen brauchen Struktur"

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Sonthofens Bürgermeister Christian Wilhelm (von links), Dr. Armin Ruf vom Caritasverband, der Asylsozialarbeiter der Diakonie Klaus Hackenberg, Elfriede Roth vom Runden Tisch Asyl und Robert Immle vom Landratsamt informierten die Bevölkerung im Haus Oberallgäu zum Thema Asylbewerber.

Sonthofen – Seit vergangenen Mittwoch sind 15 Asylbewerber aus Eritrea in der Grüntenkaserne untergebracht. In Teilen der Bevölkerung löste die Situation Unmut und Ängste aus. In einer Informationsveranstaltung zu der mehr als 300 Menschen kamen, klärten Stadt, Landkreis, Caritas und Diakonie am Dienstag über die aktuelle Lage auf. 

Ende 2013 waren weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht, zeigte Klaus Hackenberg, Flüchtlingssozialarbeiter der Diakonie, die unvorstellbaren Ausmaße der Flüchtlingsströme auf. Die meisten Menschen flüchten vor Krieg oder Bürgerkrieg, politischer, ethnischer oder religiöser Verfolgung aus ihrem Heimatland. Auch aus wirtschaftlichen Gründen verlassen unzählige Menschen ihre Heimat, so Hackenberg weiter – diese werden allerdings in Deutschland nicht als Asylgrund anerkannt.

Die Hauptaufnahmeländer der Flüchtlinge seien meist die Nachbarstaaten – für die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan nannte Hackenberg Pakistan, den Libanon, Iran, Jordanien und die Türkei. Diese Länder seien mit dem Flüchtlingsstrom heillos überfordert – so kämen beispielsweise im Libanon auf etwa 4,5 Millionen Einwohner rund 1 Million Flüchtlinge. Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge wagt den langen und gefährlichen Weg Richtung Europa.

Kommt ein Flüchtling nach Deutschland, kann er Asyl beantragen. Das Asylverfahren dauert zwischen einigen Wochen und mehreren Jahren. In den ersten neun Monaten dürfen die Menschen nicht arbeiten. Lediglich gemeinnützige Arbeit darf geleistet werden. Nach diesen neun Monaten kann ein Asylbewerber eine Arbeitserlaubnis erhalten; allerdings darf er nur dann eine Arbeitsstelle antreten, wenn diese nicht von einem deutschen Staatsangehörigen oder einem EU-Bürger besetzt werden kann. Bekommt ein Asylbewerber eine – zunächst auf drei Jahre beschränkte – Aufenthaltsgenehmigung, darf er uneingeschränkt arbeiten.

Seit etwa 2,5 Jahren steigt laut Hackenberg die Zahl der Asylbewerber stetig an – die Menschen kommen in erster Linie aus den Bürgerkriegsgebieten in Syrien und Afghanistan, aus Eritrea, Somalia und dem Irak. Auch aus Osteuropa (vor allem Serbien und Albanien) steigen die Flüchtlingszahlen. Diese Asylanträge würden jedoch zumeist abgelehnt.

2013 stellten laut Hackenberg insgesamt 127.023 Menschen in Deutschland einen Asylantrag – von Januar bis Juli 2014 waren es bereits 97.093. Die Zahlen in Bayern machen den rasanten Anstieg noch deutlicher: Gab es 2012 noch 9.827 Asylbewerber im Freistaat, waren es 2013 bereits 16.698 und zum 31. Mai 2014 23.315.

Über die Situation im Landkreis referierte Robert Immle vom Landratsamt. Demnach habe es Anfang der 1990er Jahre in der Region mehr Asylbewerber gegeben als heute – der Grund damals war der Jugoslawienkrieg gewesen. Viele der Unterkünfte stünden heute nicht mehr zur Verfügung, weshalb der Landkreis Schwierigkeiten habe, die Menschen unterzubringen. Derzeit lebten 350 Asylbewerber im Landkreis, 95 davon in Sonthofen. Das Gebäude in der Grüntenkaserne, in dem derzeit 15 eritreische Männer leben, sei ausgestattet für 50 Flüchtlinge.

Immle rechnete jedoch bereits für nächste Woche mit neuen Zuweisungen. In den kommenden Monaten muss der Landkreis mindestens noch 215 Asylbewerber unterbringen. Die Zuweisung erfolge über die Regierung; der Landkreis habe auch keinen Einfluß darauf, ob Familien oder alleinstehende Personen kommen.

Das Ziel des Landratsamtes sei zum einen eine menschenwürdige Unterbringung der Flüchtlinge, zum anderen aber auch eine sozialverträgliche. Deshalb müsse man sich auch immer wieder die Frage stellen: „Wie viele Asylbewerber verträgt eine Gemeinde?“ Immle stellte jedoch klar, dass alle Gemeinden aufgerufen seien, Unterkünfte für Flüchtlinge bereitzustellen.

Wie wichtig die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer ist, die sich um die Asylbewerber kümmern, hob Elfriede Roth, Stadträtin und Referentin für Familien, Soziales, Senioren und Integration, in ihrer Eigenschaft als Mitglied des „Runden Tisch Asyl“ in Sonthofen hervor. Roth erzählte von „sehr engagierten Menschen“, die beispielsweise Deutschkurse für Frauen anbieten, während denen die Kinder betreut werden – nur so sei es den Frauen möglich, Deutschkenntnisse zu erlangen. Dass Sprachkenntnisse für die Integration sehr wichtig sind, und dass es auch den Flüchtlingen selbst sehr wichtig ist, Deutsch zu lernen, wurde im Laufe des Abends immer wieder hervorgehoben.

„Die Menschen brauchen Struktur!“, betonte Roth weiter. In Sonthofen seien vor allem junge, alleinstehende Männer untergebracht. Sie seien durch die Umstände in ihren Heimatländern und die Umstände ihrer Flucht teils stark traumatisiert. Ein geregelter Tagesablauf helfe ihnen zurück in ein halbwegs normales Leben. Roth regte beispielsweise tägliche Deutschkurse an.

Im Anschluss folgten noch Fragen aus dem Publikum zur Situation der Asylbewerber in Sonthofen. So wunderte sich ein Zuhörer, dass in erster Linie alleinstehende Männer in der Kreisstadt untergebracht sind und wollte wissen, wo denn die Frauen seien. Laut Robert Immle flüchten aus Afrika überwiegend alleinstehende Männer. Der Hauptgrund seien die Strapazen der weiten Reise – teils fliehen die Menschen durch die Sahara. Für ältere Menschen, Kinder und auch Frauen sei der Weg zu anstrengend und gefährlich.

Eine weitere Frage war, wie die Asylbewerber miteinander auskommen. Elfriede Roth führte aus, dass sie in der Regel sehr gut miteinander auskämen und sich gegenseitig helfen. Natürlich gäbe es hin und wieder einmal Streit. Die Männer-WGs funktionierten in ihren Augen sehr gut, die Wohnungen seien blitzsauber. Auch die Befürchtung eines weiteren Zuhörers, dass es auf Grund unterschiedlicher Nationalitäten oder Ethnien auf engem Raum zu Spannungen unter den Asylbewerbern kommen könnte, wusste Immle zu entkräften. Es habe noch keine großen Auseinandersetzungen gegeben.

„Die Grüntenkaserne ist doch kein Zoo!“, prangerte Karl-Heinz Walter an. Er erzählte, dass sehr viele Menschen fast schon in die Kaserne pilgerten, um zu „gaffen“.

Zum Schluss bedankte sich Bürgermeister Christian Wilhelm bei allen Ehrenamtlichen für ihr Engagement und rief die Bevölkerung dazu auf, sich weiter zu engagieren und den Asylsuchenden zu helfen. Er erzählte, dass er am Nachmittag die Flüchtlinge in der Kaserne besucht habe, um mit ihnen über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen.

Eva Veit


Kurzinfo Eritrea:

Eritrea mit seiner Hauptstadt Asmara liegt im nordöstlichen Afrika. Der Staat grenzt im Süden an Äthiopien, im Südosten an Dschibuti, im Nordwesten an den Sudan und im Nordosten an das Rote Meer. Die Bevölkerung Eritreas besteht zu fast gleichen Teilen aus Christen und Muslimen. Zusätzlich gibt es einige kleinere Naturreligionen.

Eritrea war knapp 50 Jahre lang italienische Kolonie. Nach sechs Jahren unter britischem Mandat war Eritrea ab 1947 föderativ mit Äthiopien verbunden. Ab 1961 kämpften die Eritreer für ihre Unabhängigkeit, waren doch ihre Rechte immer mehr beschnitten worden. 1991 endete der Unabhängigkeitskrieg mit einem Sieg der Eritreischen Volksbefreiungsfront. Seit 1993 gilt Eritrea als unabhängig. Die Beziehungen zu seinen Nachbarstaaten sind jedoch stetig angespannt.

Eritrea gilt offiziell als demokratischer Staat. Jedoch bestimmen Menschenrechtsverletzungen die Tagesordnung, wie aus einem Bericht der Vereinten Nationen hervorgeht: willkürliche Tötungen und Verhaftungen, „erzwungenes Verschwindenlassen“, Folter, fehlende Meinungs-, Versammlungs-, Presse- und Religionsfreiheit. Im Alter von 18 Jahren wird jeder Eritreer zum Militärdienst eingezogen. Offiziell dauert der Dienst nur 18 Monate, jedoch wird er sehr oft willkürlich auf Jahre oder gar Jahrzehnte ausgedehnt.

Die Lage in Eritrea veranlasst zahlreiche Menschen zur Flucht. Nach Syrern und Serben stellen Eritreer die drittgrößte Gruppe der Asylbewerber in Deutschland.

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