"Ein wenig hilft nicht"

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Förster, Jäger und Waldbesitzer bei einer Waldbegehung im Oberallgäu.

Oberallgäu - Neben dem aktuellen „Vegatationsgutachten“ stand die nicht weniger aktuelle TBC-Problematik im Mittelpunkt der Mitglieder- versammlung der Arbeitsgemeinschaft der Jagdgenossenschaften im Oberallgäu. 

Die Forstverwaltung plädiert angesichts der neuen Auswertungen zur Verbissbelastung für weiteren intensiven Jagddruck auf Schalenwild. Was die Waldsituation angehe, so stellte der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft, Peter Fink, fest, bestehe kein Grund, in den bisherigen Bemühungen nachzulassen und den Trend zur Abschusserhöhung zu stoppen. „Die Höhe des Abschusssolls muss sich am Waldbild orientieren, nicht an Zahlen!“ 

Mit Blick auf rund 10000 erlegte Rehe (in den vergangenen drei Jahren) müsse man annehmen, dass sich die Verbisssituation verbessert habe. Leider sei das nicht überall so, bemängelt Fink. Er rät zu „einfachen Mitteln“, die große Wirkung erzielten: Schluss mit Rehwildfütterungen, Fütterung nur in festgestellten Notzeiten und intensive Jagd auf Geißen. „Ein überhöhter Wildbestand zerstört seinen eigenen Lebensraum“, betont Fink und kommt auf das Aufflammen der Rindertuberkulose in der Region zu sprechen: „Muss erst eine Seuche kommen, bevor reagiert wird?“ Erst auf intensiven behördlichen Druck sei das festgesetzte Abschusssoll beim Rotwild überall erreicht worden. 

Mit besonderer Spannung wurde das jüngste Forstliche Gutachten zum Zustand der Waldverjüngung erwartet, das sogenannte Vegetationsgutachten. Da und dort sieht der Leiter der Abteilung Forsten am Landwirtschaftamt Kempten, Dr. Ulrich Sauter, zwar Verbesserungen im Waldbild, andere Hegeringe bereiteten der Forstverwaltung aber weiterhin Sorge was die Verbissbelastung angeht, etwa der Kempter Wald und Dietmannsried im nördlichen Bereich oder Grünten im Süden des Landkreises. Positiver Ausreißer mit der Beurteilung „günstig“ im Landkreis ist allein die Hegegemeinschaft Kempten-Stadt. Für mehr als die Hälfte der Hegegemeinschaften im Landkreis plädiert die Forstbehörde für eine Erhöhung des Abschusssolls, für den Rest auf „beibehalten“. 

Generell verbessere sich die Situation beim Verbiss des Leittriebes der jungen Pflanzen. Zumindest was die Zahlen für Bayern angeht. Sauter: „Seit dem Jahr 2006 bessern sich die Dinge.“ Sauter bringt den Trend in Zusammenhang mit der Zahl der Reh- und Rotwildabschüsse. Die ist der Statistik zufolge über Jahre hinweg leicht angestiegen. Sauter: „Ein leichter Anstieg reicht offenbar nicht.“ Mehr Wirkung verspreche er sich von einem einmaligen deutlichen Abschöpfen. 

Für die Hegegemeinschaft Sonthofen verzeichnet die Verjüngungsinventur Verbissschäden für rund ein Drittel aller Pflanzen (ab 20 Zentimeter Höhe); bei 15 Prozent der erfassten Pflanzen ist der Leittrieb verbissen. Das Gutachten stelle nicht mehr und nicht weniger als eine Momentaufnahme dar – einmal alle drei Jahre. Sauter verweist auf eine Schwachstelle des „Knospen-Checks“ im Wald: ein häufig zu beobachtender Seitentriebverbiss – eine Art Ersatz-Leittrieb – werde bei der Inventur gar nicht aufgenommen, nur der klare Leittriebverbiss werde erfasst. Durch den – vielleicht wiederholten – Seitentriebverbiss habe die betroffene Pflanze schlechte Chancen, mit den konkurrierenden Nachbarbäumchen mitzuhalten, kümmere dahin und falle schließlich oft ganz auf. Dieses Phänomen trage zur allmählichen Entmischung der Waldflächen bei. „Aus dem jungen Mischwald wird so über die Jahre eine Monokultur aus Fichten“, verdeutlicht Ulrich Sauter den Prozess. 

Die aktuelle Verbissbelastung zu ermitteln sei eine Sache. Eine andere aber, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, mit der eine junge Baumpflanze über eine Zeitspanne von mehreren Jahren verbissen und geschädigt werde. Das lasse sich mit einfachen Modellen berechnen. So blieben etwa von 2000 Weißtannen-Pflanzen über einen Zeitraum von 15 Jahren bei einer angenommenen Verbissbelastung von 30 Prozent gerade mal 27 Pflanzen übrig, die ohne Schaden wachsen. Jürgen Wälder, Geschäftsführer der Hochwild-Hegegemeinschaft Sonthofen, will diesen Schlüssen nicht folgen. Rotwild sei ein ausgewiesener Gräserfresser, kein Baumverbeißer, kontert Wälder und verweist auf die Vielfalt in den Wäldern: „Es sprießt und schießt enorm.“ 

Eine neue Herausforderung sehen ArGe-Sprecher Peter Fink und der Landtagsabgeordnete Dr. Leopold Herz auf die Jagd und die Jagdgenossenschaften zukommen. Mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menchenrechte ist es fortan möglich, dass Grundbesitzer bestimmte Flächen aus dem ordentlichen Jagdbetrieb ausschließen. „Dann wird die Jagd nicht einfacher“, so Herz. Andererseits könne die Untere Jagdbehörde am Landratsamt „zum allgemeinen Wohl“ die Jagdausübung ausdrücklich anordnen, berichtet Dr. Sauter. Fabian Höß vom Bayerischen Bauernverband BBV und Hans-Peter Mögele vom Vermessungsamt Immenstadt erläuterten die Funktionsweise des neuen „Digitalen Jagdkatasters“, das der BBV anbietet. Dieses elektronische Grundbuch sei gerade für Jagdgenossenschaften ein wertvolles Instrument und eine Unterstützung bei Grundstückszuordnungen, Besitzerwechseln oder Revierverpachtungen.

Josef Gutsmiedl

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