Mit angezogener Handbremse

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Die Bergwaldoffensive darf nicht ausgebremst werden, meinen (von links) Klaus Dinser und Beiratsvorsitzender Toni Klotz. Vielmehr müsse endlich eine verlässliche finanzielle Perspektive die Bemühungen untermauern.

Rettenberg - Über ein neues Projektgebiet informierte sich der Beirat der Bergwaldoffensive BWO bei einer Begehung am Rottachberg. Zugleich befasste sich das Gremium mit der Finanzierung der laufenden Maßnahmen: die Mittelzuweisung hinkt den Projektfortschritten im Oberallgäu nach.

Die schlagkräftige und engagierte Truppe der Bergwaldoffensive im Allgäu ist gezwungen, langsamer zu arbeiten – obwohl Eile angesagt ist und weitere Projekte schon auf der Warteliste stehen. Höchste Zeit, ein verlässlicheres Finanzierungsmodell auf den Weg zu bringen, fordern die verantwortlichen Mitarbeiter der BWO und Politiker.

„Eine Verstetigung der Finanzierung der Bergwaldoffensive würde uns sehr helfen“, meint Dr. Ulrich Sauter, als Leiter des Bereichs Forsten am Landwirtschaftsamt Kempten „Chef“ der BWO im Allgäu. Der „Topf“ sei zwar vorerst gefüllt, aber inzwischen werden Mittel auch aus anderen Regionen angefordert. Die Gesamtmittel würden wohl auch im nächsten Doppelhaushalt nicht gekürzt. Aber die Verteilung werde sich ändern, befürchtet Sauter. Das könne bedeuten: die BWO muss langsamer arbeiten, um mit dem Etat auszukommen.

Der Beiratsvorsitzende, der Oberallgäuer Landrat Toni Klotz, kritisiert die Kurzfristigkeit und ergänzt: „Wir brauchen mehr Geld denn je!“ Die Bergwaldoffensive und der Klimaschutz seien Zukunftsaufgaben über Jahrzehnte hinweg. „Dafür brauchen wir Mittel vom Staat.“ Zukünftig müssten reichlicher als bislang Fördermittel bereit gestellt werden, sonst liefen Projekte in Gefahr auf der Strecke zu bleiben.

Das Problem sei die Unsicherheit des jetzt üblichen Zwei-Jahres-Turnus bei der Finanzierung, erläutert Sauter den BWO-Beiräten weiter. Nicht zuletzt das Personal schwebe immer in der Ungewissheit, ob es nach zwei Jahren „weiter gehe“, wenn ein neuer Haushaltsbeschluss anstehe. Kein Wunder also, wenn der eine oder andere woanders einen sichereren Job suche. Dabei gebe es viel Arbeit. Von 42 ausgewiesenen Projektgebieten im Oberallgäu seien gerade einmal 12 in Arbeit. „Für diese Aufgabe braucht es eine Perspektive“, appelliert Peter Titzler von der BWO. „Da muss man in Zeiträumen von 15 Jahren denken.“

Arbeit hat die BWO genug. Mit 180 Einzelmaßnahmen, so Klaus Dinser, Leiter des Schutzwald-Managements der BWO, trage des Oberallgäu rund 40 Prozent aller Maßnahmen in Bayern, in seinem Rückblick auf das Jahr 2013. Mit 700.000 Euro habe das Oberallgäu ein Drittel des BWO-Etats abgerufen. Den Vorwurf, dass die BWO unverhältnismäßig viel in Wegebau investiere, lässt Dinser nicht gelten und stellt fest: „Der Traktor ist teurer als die Motorsäge.“ Mit anderen Worten: die für die Folgearbeiten notwendigen Wegebaumaßnahmen kosten mehr als waldbauliche Arbeiten. Andererseits gehe ohne Erschließung so gut wie nichts. Dinser kritisiert die „kleckerlesweise“ Zuteilung von Mitteln, die ein zügiges Arbeiten erschwere. Erfreulicherweise genieße die BWO einen hohen Stellenwert, „dass sich niemand traut, hier zu kürzen...“ deutet Dinser an.

Viel zu tun für die Bergwaldoffensive gibt es offenbar auch im Projektgebiet Rottachberg. Ähnlich wie am Grünten geht es hier um rund 1000 Grundstücke von 350 Besitzern. „Man unterschätzt den Rottachberg“, deutet Gunnar Klama von der BWO an. In mehreren Terrassen steigt der Berg an von 710 Meter an der Iller bis über 1100 Meter am sogenannten Falkenstein. Während die Terrassen als Alpweide genutzt werden, sind die dazwischen liegenden Hänge – zum Teil auch Schutzwald – meist steil und schwer zu bewirtschaften. Als tückisch könne sich das Nagelfluhgestein erweisen, dass sich nach und nach zersetze und als eine Art „Pudding“ bei intensiven Niederschlägen in Bewegung geraten könne. Die nicht von der Hand zu weisende Erosionsgefährdung zwinge zum Waldumbau – weg von der aktuell dominierenden Fichte hin zu tief wurzelnden Waldbäumen, wie etwa der Weißtanne.

Für den Waldbesitzer Adolf Jörg hat der Kampf gegen die Erosion am Rottachberg schon begonnen. In einer Steillage kam im Sommer vergangenen Jahres ein Teil des Hanges ins Rutschen und kippte zahlreiche Fichten, die Jörg nur mit Mühe aus dem Gelände holen konnte.

Ähnliche Rutschpartien seien keineswegs auszuschließen und etwa für die Ortschaft Humbach eine ernst zu nehmende Bedrohung. Den geologischen Besonderheiten gelte es mit waldbaulichen Aspekten Rechnung zu tragen, fasst Dinser die Strategie der BWO zusammen. Auch der Wegebau sei in diesen Lagen unerlässlich, um die Bewirtschaftung zu ermöglichen.

Ohne jagdliche Begleitmaßnahmen geht es am Rottachberg ohnehin nicht, da sind sich die Akteure einig. Ein gemeinsam getragenes Jagdkonzept soll in Zukunft garantieren, dass die Arbeit der BWO Früchte trägt. Angesichts der „waldbaulich höchst unbefriedigenden Situation“, rät Nikolaus Urban in seinem Jagdkonzert zu „Veränderungen“. Er sei nicht „als Feind hier, sondern als Freund“, der helfen wolle, Fehler zu suchen und Lösungen zu finden.

Der stattliche Abschuss beim Rehwild dürfe nicht über die in weiten Teilen sehr ungünstige Verbisssituation hinwegtäuschen. „Da müssen wir uns was einfallen lassen“, so Urbans Appell an die fünf Jagdgenossenschaften am Rottachberg. Das Jagdkonzept sei in „großere Harmonie“ von allen Betroffenen verabschiedet worden, freut sich Urban über den ersten Schritt.

Urban empfiehlt den Jagddruck – nach erfolgreicher Bestandsreduzierung – von acht auf drei Monate zu verringern. Die Reduzierung sei durch sporadische Bewegungsjagden eher zu erreichen als durch die klassische Pirschjagd. Ziel sei es, den Rehwildbestand auf ein für den Wald erträgliches Maß zu verringern. Noch in diesem Herbst soll es drei große Bewegungsjagden am Rottachberg geben; weitere kleinere punktuelle Jagden nach Bedarf in Absprache mit den Jagdgenossenschaften. Und Urban, selbst Berufsjäger mit jahrzehntelanger Erfahrung, ist optimistisch. „In drei Jahren könnte man die Früchte unserer Bemühungen sehen.“

Urbans Jagdkonzert als Konzentrat: „Damit die waldbaulichen Ziele sowohl der Grundeigentümer als auch der Bergwaldoffensive zu erreichen sind, ist eine Erhöhung der Gesamtstrecke von 5,2 Stück jährlich auf wenigsten 10 bis 12 Stück Rehwild pro 100 Hektar im Projektgebiet anzustreben.“ Dabei, so Urban weiter, müsse bei weiblichen Tieren eine Steigerung auf wenigstens 7 bis 8 Stück pro Jahr je 100 Hektar das Ziel sein, um den Rehwildbestand in den kommenden Jahren nicht noch weiter ansteigen zu lassen. „Besonders die Rehgeißen sollten mit wenigstens 5 bis 6 Stück pro Jahr zu Buche schlagen“, drängt Nikolaus Urban.

Josef Gutsmiedl

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