Trickreiche Haarspalterei

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Bürgermeister Adalbert Martin ist sicher: in einigen Jahren gibt es wieder mehr Schulkinder in Unterjoch.

Unterjoch - Vor der Beratung im Bildungsauschusses des Bayerischen Landtages über die Weiterführung der Mini-Grundschule Unterjoch am vergangenen Donnerstag, griff der Ausschussvorsitzende, Martin Güll (SPD) die Thematik erneut auf.

Die Grundschule in Unterjoch soll offenbar nun doch zum Schuljahr 2014/2015 geschlossen werden, will Güll erfahren haben. Die Zusage der Staatsregierung für den Erhalt habe sich auf rechtlich eigenständige Kleinschulen bezogen – Unterjoch sei aber ein „Ableger“ der Grundschule in Bad Hindelang, so das Bildungsministerium in einer Pressemitteilung. Das Ergebnis der Diskussion im Ausschuss lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Wie der Vorsitzende des Bildungsausschusses, Martin Güll, aus dem Kultusministerium erfuhr, wolle die Staatsregierung die kleine Grundschule wegen zu wenigen Schülern nun doch schließen und die Kinder nach Bad Hindelang in die Schule schicken.

Dazu Güll: „Die SPD wird das nicht hinnehmen und im Bildungsausschuss am Donnerstag weiter für den Erhalt der kleinen Schule kämpfen. Der Landtag hat hier noch ein Wort mitzureden! Und wir werden bei der Schlussberatung der Petition alle Hebel in Bewegung setzen!“ Der Erhalt der Schule würde 70.000 Euro pro Jahr kosten. „Es kann doch wohl nicht sein, dass das Wohl der Allgäuer Kinder der Staatsregierung nicht so viel wert ist“, erklärt Güll.

Die Staatsregierung reagiere im Fall Unterjoch unsensibel und bürokratisch und habe die Bedürfnisse der Schüler und Eltern nicht im Blick, so der SPD-Bildungssprecher. „In diese Schule gingen seit über 200 Jahren Generationen von Buben und Mädchen aus Unterjoch. Seit fast einem Jahr kämpfen wir im Bildungsausschuss um den Erhalt dieser einmaligen Grundschule, die jahrgangsübergreifenden Unterricht nahezu perfekt und sehr erfolgreich bis zum heutigen Tage umsetzt. Das ist einfach unendlich traurig.“

Tragisch sei der Fall Unterjoch auch deshalb, weil er zeige, dass die Bestandsgarantie für Grundschulen in der Realität nicht greife, so die Landtagsfraktion der SPD in einer Pressemitteilung. „Unterjoch ist eine Außenstelle der Grundschule Bad Hindelang und damit rechtlich nicht selbstständig. Und Seehofer hat in seiner Regierungserklärung trickreich nur den wenigen rechtlich selbstständigen Kleinst-Grundschulen eine Bestandsgarantie gegeben. Den Kindern ist diese juristische Haarspalterei jedoch völlig egal. Sie verlieren ihre Schule“, erklärt der Vorsitzende des Bildungsausschusses.

Der SPD-Bildungspolitiker hält die Schulschließung für verfehlt, weil der künftige Schulweg außergewöhnlich beschwerlich wäre und in den nächsten Jahren wieder mit mehr Schülern zu rechnen sei. „Wenn ich einem Dorf die Schule wegnehme, entziehe ich ihm auch eine Lebensgrundlage. Da hilft auch kein windiges Heimatministerium“, ist Güll überzeugt.

Im Januar hatte sich der Bildungsausschuss des Landtags bei einem Besuch selbst ein Bild von der Ausnahmesituation in Unterjoch gemacht: Die Sechs- bis Zehnjährigen müssten mit dem Schulbus aus dem 1013 Meter hoch gelegenen Bergdorf eine halbe Stunde über den Jochpass nach Bad Hindelang fahren. Die höchstgelegene Bundesstraße in Bayern habe etwa 100 Kurven und sei im Winter gefährlich, betont die SPD weiter in der Presseerklärung. Die Eingabe von Eltern an das Kultusministerium und ihr massiver Protest erregte bayernweit Aufmerksamkeit und hatte einen Aufschub der Schulschließung vor der Landtagswahl zur Folge.

Anders betrachtet man die aktuelle Situation dagegen im Bildungsministerium. Um den Schülerinnen und Schülern aus Unterjoch möglichst gute Schul- und Unterrichtsbedingungen zu gewährleisten, schlägt das Bayerische Bildungsministerium einen Runden Tisch vor. Das Ministerium regte im Vorfeld zur Beratung des Themas im Bildungsausschuss „eine Lösung vor Ort“ an, die den Kindern den Besuch der Grundschule in Bad Hindelang oder alternativ in Wertach ermögliche.

Anlass für die neuerliche Diskussion sei die stark rückläufige Schülerzahl am Standort Unterjoch, der zur Grundschule Bad Hindelang gehöre, so Pressesprecher Dr. Ludwig Unger. Die Anzahl der Kinder in der Außenstelle Unterjoch der Grundschule Bad Hindelang habe bereits in den vergangenen Jahren „insgesamt gerade noch zur Bildung einer jahrgangsübergreifenden Klasse ausgereicht“. „Aufgrund der weiter abgesunkenen Schülerzahl auf nun insgesamt nur noch fünf Schüler in allen vier Jahrgangsstufen kann an diesem Standort keine Klasse mehr gebildet werden“, so der Pressesprecher weiter.

Das Bildungsministerium bezeichnet die Aussagen des SPD-Landtagsabgeordneten Martin Güll als „unsachlich“. Der Freistaat berücksichtige gerade bei Grundschulkindern den Grundsatz „kurze Beine – kurze Wege“. Er habe daher eine Bestandsgarantie für kleine selbstständige Grundschulen mit insgesamt etwa 25 Schülern ausgesprochen. Aber das könne nicht für Außenstellen mit insgesamt fünf bis acht Kindern gelten.

Vor Kurzem hatte Bad Hindelangs Bürgermeister Adalbert Martin auf das Nachbarland Österreich verwiesen. Dort gebe es nämlich noch viele kleine Schulen auf abgelegenen Dörfern im Gebirge. Nur in Bayern scheine dies nicht zu funktionieren. Martin unterstrich, dass die Schülerzahlen in den nächsten Jahren zwar noch weiter zurückgehen würden; aber dann würden es wieder mehr.

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