Choreografie der Zahlen

Der Weiler Hohenegg bei Grünenbach liegt in einer reizvollen Panoramalage. Der Wanderweg vom Eistobel zur Riedholzer Kugel führt durch die kleine Ansiedlung mit ihren fünf Häusern. Eines davon, ein denkmalgeschütztes Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert, beherbergt seit drei Jahren eine einzigartige Galerie für digitale Kunst, die Kunstlege Hohenegg.

Den alten Bauernhof hat der Künstler Wolfgang Däumler mit seiner Partnerin vor knapp fünf Jahren gekauft. Der Physiker, Mathematiker und Arzt hatte schon immer ein Faible für besondere Immobilien und für digitale Kunst. Behutsam und mit viel Gespür hat er die alten Räume in den letzten Jahren saniert. „Ich wollte mit den Räumen ohnehin etwas machen“, erläutert er die Entstehungsgeschichte der Kunstlege. Die ehemalige Scheune ist heute der größte Ausstellungsraum der Galerie. Auch der Pferdestall und der Rinderstall beherbergen zwischenzeitlich digitale Kunst. Die erste Ausstellung fand 2007 statt, neben dem Hausherrn waren zwei weitere Künstler vertreten, es war ein erster Anfang im Freundeskreis. Schon ein Jahr später zeigten 24 Künstler ihre Werke in der Kunstlege Hohenegg. Rund 2000 Besucher haben diese Ausstellung während der Sommermonate des vergangenen Jahres besucht. Jetzt, im dritten Jahr, werden von Anfang Mai bis Ende Oktober über 150 Arbeiten von 40 Künstlern in den Räumen des Bergbauernhofs gezeigt. Mathematik als Kunst „Mein Traumberuf war immer schon Physiker“, erklärt Däumler. So kam es auch, dass er vor seinem Medizinstudium schon Physik und Mathematik studiert hatte. Nach Abschluss der Studien war er einige Jahre als Facharzt für Anästhesie in der Notfall- und Intensivmedizin tätig. Dann folgten acht Jahre auf See, ein Gezeitenwechsel. Sieben Jahre war er mit seiner hochseetüchtigen Segelyacht „Phantom 35“, einem elf Meter langen Boot, in der Karibik unterwegs. In dieser Zeit beschäftigte er sich unter anderem mit der Entwicklung des Dornthorus-Modells, einer physikalischen Theorie zur Raumstruktur und zum Verhalten von Elementarteilchen. Er schrieb ein Computerprogramm, das die fundamentalen physikalischen Gesetze anschaulich darstellen sollte. Das Programm funktionierte, doch schnell stellte Däumler fest, dass es auch dazu geeignet war, ästhetische Bilder zu erzeugen. Nach seiner Rückkehr wandelte er den Quellcode zu einem Grafikprogramm um. Der „Artmetic Grafik-Synthesizer“, mit dem er heute seine Bilder gestaltet, macht sozusagen Rechenvorschriften sichtbar, Mathematik zum Betrachten. „Der Computer ist aus unserem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken und dass man damit auch Kunst machen kann, das wollen wir hier zeigen“, erläutert Däumler die ausgestellten Arbeiten. Ob digitale Malerei, mathematische Kunst, Vektorgrafik, szenische 3D-Kunst, Fotomanipulation und Bildbearbeitung oder digitale Stilkunst, die ausgestellten Arbeiten sind vielfältig und beeindruckend. Digitale Kunst gibt es seit etwas mehr als zwei Jahrzehnten, erst mit der Verbreitung des Computers entstand diese neue künstlerische Stilrichtung. Die Digitalkunst findet als neue Kunstrichtung bisher noch recht wenig Beachtung. Es gibt kaum Galerien, die sich auf Digitalkunst spezialisiert haben, das macht die Kunstlege Hohenegg deutschlandweit einzigartig. Wolfgang Däumler hat sich hier einen seiner Lebensträume verwirklicht. Mit großem Idealismus und einer gehörigen Portion Tatkraft hat er in den alten Mauern einen bemerkenswerten Ort für moderne Computerkunst geschaffen. Wissenschaftler stellen aus Die „Kunst“ ist hier die Mathematik. Durch sie, so schreibt Däumler in seiner begleitenden Broschüre zur Ausstellung, arbeitet der Künstler beim Zeichnen der Bilder mehr als Choreograf. Seine Aufgabe ist es, das ungeordnete Hüpfen der Zahlen in einen ästhetischen harmonischen Tanz zu verwandeln. Däumler beschränkt sich bewusst auf ausschließlich mono-algorithmische Bilder, dabei erzeugt eine einzige Rechenvorschrift das mathematisch-synthetische Kunstwerk. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass unter den ausstellenden Künstlern zahlreiche Physiker, Chemiker und Mathematiker vertreten sind. Neben den Naturwissenschaftlern ist aber auch Gerd Schwanitz, ein Schüler von Josef Boys, mit seinen Werken in der Kunstlege vertreten. Die Künstlerin Sabine Kardel steht noch voll im Arbeitsleben, sie ist Angestellte der Hamburger Senatsverwaltung. Die Kunstlege Hohenegg ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Diese Galerie ist ein Geheimtipp, neben beeindruckender Kunst bietet die Wanderung nach Hohenegg auch einmalige Landschaftserlebnisse.

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