"Das Rehwild lebt im Paradies"

Die Zielrichtung der Bergwaldoffensive müsste eigentlich auch die Wünsche und Hoffnungen der Jäger erfüllen, meinte Peter Fink, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Jagdgenossenschaften im BBV-Kreisverband Oberallgäu. In einer gemeinsamen Versammlung der ArGe und der Kreisgruppe Oberallgäu des Bundes Naturschutz stand das Thema „Wild und Waldverjüngung auf dem Programm. Referent Bruno Hespelers provokante Anmerkungen zur Jagd lenkten den Blick auf den Lebensraum Mischwald, der gerade dem Rehwild „paradiesische Lebensbedingungen“ biete. Der Lebensraum bestimme die Wilddichte, nicht der Jäger, so Hespeler.

Die Stimmung ist schlecht, bayernweit und auch im Ober-allgäu: Die Jäger fühlen sich angesichts der Feststellung des jüngsten Vegetationsgutachtens als Verlierer der Wald-Wild-Diskussion. Die Erfolge der Waldverjüngung seien in Gefahr, weil die Verbissbelastung zum Teil wieder zunehme. Zudem, so lesen die Jäger aus den Bemerkungen und Veröffentlichungen, werde die Jagd bereits jetzt verantwortlich gemacht für den „Sand im Getriebe“ der Bergwaldoffensive. Mithin Zeit für Ausgleich zwischen den angeblich „aggressiven Forstleuten und empfindlichen Jägern“, meinte Anton Klotz, Vorsitzender des Beirates der Bergwaldoffensive im Oberallgäu. „Früher waren Rehe in unserem Raum so etwas wie Sozialhilfeempfänger. Heute leben sie im Paradies“, beschreibt der ehemalige Berufsjäger und heutige Gutachter und Buchautor Bruno Hespeler die aktuellen Lebensbedingungen für das Rehwild. Der von den Forstleuten und den meisten Waldbesitzern gewünschte Mischwald beschere dem Wild ein unvergleichliches Nahrungsangebot. Und je besser es den Rehen gehe, umso höher die Vermehrungsrate, schließt Hespeler den Kreislauf der Natur. „Der Lebensraum bestimmt die Wilddichte“, skizziert er die Spielregel der Natur. Dabei bringt der attraktive Lebensraum Mischwald mit seinem Dickicht einen weiteren Vorteil für die Rehe mit sich: Ein paar Schritte in den Wald - und der Jäger sieht kein Wild mehr, sondern nur noch Wald. Hespeler: „Klar, dass sich da ein Mordsfrust einstellt bei den Jägern, wenn sie sich bemühen...“ Vor diesem Hintergrund kommt Bruno Hespeler zu einer weiteren Schlussfolgerung: Die intensive Forstwirtschaft schafft die Grundlage für hohe Rehwildbestände. Jede Rückegasse, jede Hiebfläche verbessere das Nahrungsangebot. „Der Mischwald ist das größte Geschenk an das Wild seit Jahrhunderten!“ sagt Hespeler. Wenn es also dem Rehwild so gut gehe wie seit Urzeiten nicht mehr, dann gebe es auch keine Begründung mehr für winterliche Wildfütterungen, folgert der ehemalige Berufsjäger. Jahrzehntelange Erfahrungen bestätigten: Fütterungen bedingen eine Konzentration des Wildes aus kleinem Raum, bringen die im Winter alles andere als förderliche Unruhe in die Bestände und halten den Stoffwechsel, der eigentlich auf Sparflamme arbeiten sollte, auf hohem Sommerniveau. Alles Dinge, die dem Verbiss an Waldpflanzen in die Hände spielten, wie Hespeler erklärte. Die vermeintliche Lenkung oder Ablenkung des Wildes erweise sich als Trugschluss: Eher das Gegenteil sei der Fall. Fütterung begünstige schließlich Schwache und leiste der Vermehrung Vorschub. Hespeler sparte auch das heiße Eisen Abschussplanung nicht aus. Wenn der Zuwachs an einer Population geschossen werde, sei eine Reduzierung nicht möglich. Er erinnerte an eine Bemerkung des früheren bayerischen Landwirtschaftsministers Dr. Hans Eisenmann, der in den 1970er Jahren spöttisch gemeint habe. Abschusspläne seien „soviel wert wie arabische Frontberichte“. Rehwild lasse sich nicht zählen. Folglich sei eine Abschussplanung und deren Kontrolle bestenfalls Augenwischerei. Die Rehwildbestände seien europaweit im Anstieg begriffen. Froh, wenn man keine Abschusspläne und Gutachten mehr bräuchte, wäre auch Anton Klotz, Stellvertretender Landrat im Oberallgäu und Beiratsvorsitzender der Bergwaldoffensive. Momentan sei er in dieser Hinsicht aber nicht sehr zuversichtlich. Und Klaus Dinser, Chef des Schutzwald-Managements am Amt für Landwirtschaft und Forsten in Kempten, appellierte an Jäger, Förster und Waldbesitzer, gemeinsame Lösungen zu suchen: „Wir wollen die Jäger nicht als Buhmänner, sondern als Partner.“ Allerdings müssten die Jäger den festgesetzten Abschuss weiter erfüllen: „Eine Schraube, an der man immer drehen muss.“ Es wäre fatal, den bereits sichtbaren Erfolg bei der Waldverjüngung durch nachlassenden Jagddruck zu gefährden.

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