Keine "Nebenstrecke der Republik"

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Im „Dieselloch“ Allgäu wartet man schon lange auf die Elektrifizierung der Bahnstrecken.

Kempten/Allgäu – Das Allgäu entwickelte sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr von einer landwirtschaftlichen Region hin zu einer Gegend mit starkem wirtschaftlichem Wachstum. Nicht mitgewachsen im Wachstumsprozess ist dabei die gesamte Infrastruktur, vor allem der Schienenverkehr.

Wie hier Abhilfe geschaffen werden kann, diskutierte der Allgäuer Bundestagsabgordnete Dr. Gerd Müller in der „Denkfabrik” mit einem prominent besetzten Plenum. 

Im Allgäu wird noch mit der guten alten Diesellok gefahren, die Fahrtgeschwindigkeit erlaubt es auf manchen Strecken, ohne Halt sicher auf- und abzusteigen und die vielen kleinen Stationshäusle mit Milchkannen davor könnten Fahrgäste dazu verführen, sich in einer Art „Eisenbahnidylle” zu wähnen. Doch die Ansprüche der Reisenden an eine moderne Bahn sind im Laufe der Jahre gestiegen. Und so gibt es viel Unmut über Verspätungen, mangelnde Anbindung an die Metropolen und langsame Fahrtgeschwindigkeiten. Das alles ist Staatssekretär Dr. Gerd Müller bekannt. Daher lud er die Verantwortlichen der Bahn, der Bayerischen Eisenbahngesellschaft und Vertreter aus Kommunen, Land und Bund zu einer Dialogrunde ein. 

Ersten Unmut äußerte der Bundestagsabgeordnete Müller selbst, als er das unentschuldigte Fernbleiben der Bayerischen Eisenbahngesellschaft rügte. Ferner wünschte er sich eine Diskussion über Parteigrenzen hinweg und mahnte dann die Abarbeitung einer Mängelliste an. Nach wie vor bereite die Elektrifizierung und der Ausbau der Strecke Zürich-Lindau-Memmingen-München finanzielle und terminliche Probleme. Das Allgäu bezeichnete Müller in diesem Zusammenhang als „Dieselloch”. Er mahnte den Einsatz und die Funktionstüchtigkeit der von der Bahn seit 2011 eingeführten Neigetechnik-Züge ebenso an wie die versprochene schnelle Verbindung von Kempten nach München. „Wir sind mit unseren rund 500.000 Einwohnern und einer starken Wirtschaft nicht eine Nebenstrecke der Republik”, stellte der verärgerte Staatssekretär fest. 

Der Kaufbeurer CSU-Bundestagsabge Stephan Stracke hob besonders die Lage des Allgäus zwischen den Metropolregionen Stuttgart, München und der nördlichen Schweiz hervor. Weiter zitierte er in Anspielung auf finanzielle Problem beim Streckenausbau Lindau-München Bundesverkehrsminister Ramsauer mit den Worten: „Am Bund scheitert die Finanzierung nicht.” 

Nach soviel Kritik erhielt Klaus-Dieter Josel, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für Bayern, das Wort. „Wir haben eine Zustimmungsquote bei unseren Kunden von rund 71 Prozent in der Region”, so Josel und legte den Fokus zuerst auf die Verantwortungsstruktur: Wer zahlt was? Denn eines müsse klar sein: Die geforderten Maßnahmen würden zu höheren Kosten führen. Josel verwies auf ein Schienennetz von 6.000 Kilometer in Bayern, von dem lediglich 2.600 noch nicht elektrifiziert seien. Zudem versprach er den erschienenen Bürgermeistern, dass die Strecke Zürich-Lindau-Memmingen-München bis spätestens 2019 fertig gestellt sei. Dies sei erforderlich, da sonst die von der Schweiz zugesagten finanziellen Mittel von 50 Millionen Euro für dieses Projekt nicht bereitgestellt würden. Zugestehen musste Josel Probleme bei den Neigetechnik-Zügen, die zum Teil Schäden an den Radsätzen aufweisen. Allgemein beurteile er aber den Fahrgastbetrieb der DB im Allgäu als zufriedenstellend. 

Abschließend fand Stefan Schell vom Bayerischen Wirtschaftsministerium Gehör bei der Zuhörerschaft. Schell zeigte sich zuversichtlich, dass laufende Projekte ihr geplantes zeitnahes Ende finden und verwies nochmals auf die absolute Priorität der Neubaustrecke von Zürich nach München. Konkurrienden Streckenausbauten wie Buchloe-Kempten versprach Schell daher keine finanziellen Hilfen. 

Kemptens OB Dr. Ulrich Netzer prach in der anschließenden Diskussion gleich direkt den Konzernbevollmächtigten Josel an und machte seinem Unmut Luft. „Versprechen, Vertrösten, Verteuern, Verschieben”, das sei sein Fazit aus langjähriger Zusammenarbeit mit der Bahn. „Wir haben den Eindruck, vernachlässigt zu werden”. Das waren nicht die einzigen harschen Worte die sich KlausDieter Josel anhören musste. Es gab Dutzende Wortmeldungen, insbesondere von kommunalen Vertretern, die ihr Leid klagten, aber auch Lösungsvorschläge anbrachten. Zuletzt forderte Müller alle auf, parteiübergreifend für das Allgäu zu wirken.

Jörg Spielberg

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