Es braucht Fingerspitzengefühl

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Auf diesem Platz an der Rubinger Straße soll die Asylunterkunft entstehen.

Oberstdorf - Die Diskussion über die geplante Asylbewerberunterkunft an der Rubinger Straße bewegt die Oberstdorfer Bürger. Anwohner hatten nun zu einem „offenen Dialog“ geladen, um die unterschiedlichen Standpunkte auszudiskutieren.

Die Gemeinde hat dem Landratsamt ein Grundstück an der Rubinger Straße zwischen Gymnasium und Campingplatz in unmittelbarer Nähe des Wohngebietes Helchenkreut angeboten. Auf dem etwa 1400 qm großen Gelände soll eine Unterkunft in sogenannter flexibler Fertigbauweise für 50 Asylbewerber errichtet werden. Die Entscheidung im Gemeinderat fiel mit 11 zu 9 Stimmen denkbar knapp aus. Aktuell sind in Oberstdorf im Ortsteil Reichenbach und in der Gerberstraße über 50 Flüchtlinge untergebracht, um die sich die Gemeinde und ein Helferkreis kümmern. Um die aktuell vom Landratsamt vorgegebene Quote von 2 Prozent der Bevölkerungszahl zu erfüllen braucht Oberstdorf weitere Plätze.

Seit Bekanntwerden der Pläne regt sich bei den Anliegern Widerstand – vor allem gegen die Lage und die Größe der Unterkunft (der Kreisbote berichtete). Sie halten dezentrale Unterbringungsmöglichkeiten im Sinne der Integration für besser und beklagen die mangelnde Information durch die Behörden. Menschen, die aus Krisengebieten kommen und Hilfe brauchen, dürften nicht auf engem Raum ohne Betreu-ung zusammengepfercht werden, so die Argumentation in Briefen an Landrat Anton Klotz und Bürgermeister Laurent Mies.

Die Anwohner hatten darum zu einem „offenen Dialog“ ins Kolpinghaus eingeladen, wo etwa 100 Interessierte – darunter Gemeinde- und Kreisräte – die sachliche und unaufgeregte Diskussion verfolgten. Dabei herrschte weitgehend Einigkeit: Wir sind bereit unseren Beitrag zur Aufnahme der Flüchtlinge zu leisten – aber wir wollen eine bessere Verteilung auf mehrere Unterkünfte.

Christine Schwarz und der ehemalige Gemeinderat Edmund Seiler zeigten sich als Sprecher der Anwohner enttäuscht, dass weder Landrat noch Bürgermeister trotz Einladung selbst gekommen waren oder einen Vertreter geschickt hatten. Ihr Vorwurf: Das Angebot von geeigneten Standorten zur dezentralen Unterbringung im Ort würde nicht weiter verfolgt. „Die Asylproblematik schlägt auch in Oberstdorf voll durch und gerade in einem Tourismusort braucht es Fingerspitzengefühl“, so Seiler. Die Unterbringung sei eine „gesamtgemeindliche Aufgabe“ forderte er „eine ausgewogene Lastenverteilung“. Für ihn kommen damit auch andere Plätze für große Einheiten, wie hinter dem kommunalen Schlachthaus oder am Friedhof, nicht in Frage. Man solle nicht nur einen Standort einseitig belasteten sondern auch auf den Ortskern schauen. Er warf den Verantwortlichen vor, „nicht alle Angebote zu nutzen, die auf dem Markt sind“. Man versuche hier draußen etwas zu konzentrieren, sprach er von einem „Deal“ und einem „Kuhhandel“. Dies führe zu „Unmut und Akzeptanzproblemen“. Er setzte auch ein Fragezeichen, ob es bei den angepeilten fünf Jahren für die Belegung der Unterkunft und bei 50 Personen bleibt. In der Gerberstraße habe man auch die zuerst vorgesehene Bettenzahl erhöht. Schwarz nannte die Informationspolitik der Behörden, wie die Einrichtung konkret aussehen und eingerichtet werden soll, „enttäuschend“. Unterkünfte müssten sozialverträglich geplant werden. Mitglieder des Helferkreises sprachen sich ebenfalls für kleinere Lösungen aus – auch aus den Erfahrungen mit den derzeitigen Einrichtungen heraus. „Fünfzig Leute in einem Haus kann ich mir derzeit nicht vorstellen“, so Hülya Dirlik. Man wünsche sich grundsätzlich mehr Aufmerksamkeit für das Thema und Hilfe bei der Integrationsarbeit – auch wenn einen das Thema nicht persönlich betrifft – hieß es von Mitgliedern des Helferkreises.

Kreisrätin Gisela Bock (FDP) bat um Verständnis für die Mitarbeiter im Landratsamt. Diese seien bei der Betreuung der Asylbewerber „bis oben hin voll“ und hätten sich in der Vergangenheit um dezentrale Unterbringung bemüht. Gemeinderätin Bergith Hornbacher-Burgstaller (Grüne) verwies im Gegenzug darauf, dass in der Gemeinderatssitzung ein Vertreter des Landratsamtes betonte, man bevorzuge in Oberstdorf eine größere Einheit. Da dies die Betreuung einfacher mache. Die Verhandlungen fänden direkt zwischen Landratsamt und Grundstücksbesitzern statt, so Josef Geiger (CSU). Der Gemeinderat erfahre da selbst nichts. „Dinge von oben zu entscheiden ist der falsche Weg“, hofft Martin Rees (AO/FDP) auf den Beginn eines Dialogs. Er berichtete von zwei konkreten Angeboten für Unterbringungsmöglichkeiten, die bei ihm eingegangen sind. „Als Oberstdorfer sind wir gefordert das zu packen“, setzt er darauf, das schwierige Thema gemeinsam umzusetzen. Es habe durchaus Angebote an das Landratsamt gegeben, so Irmela Fischer. Die jetzige Diskussion habe man dem Umstand zu verdanken, dass Möglichkeiten in touristischen Lagen von Oberstdorf nicht weiter verfolgt wurden. Angelika Blüml fragte nach, ob das Baurecht an diesem Platz überhaupt ein Gebäude dieser Größenordnung zulasse.

Seiler bat zum Schluss die anwesenden Gemeinderäte, das Thema im Gemeinderat noch einmal zu behandeln. Alle vorhandenen Angebote sollten auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Gemeinde und Landratsamt haben am 30. Juni zu einer offiziellen Informationsveranstaltung eingeladen. Die Befürchtung der Anwohner: Dass der Pachtvertrag schon vorher in trockene Tücher gepackt werden soll.

Heinrich Bonert

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