Heißes Eisen Wasserkraft

Noch fließt das Wasser ungehindert durch die Stillachklamm im Rappenalptal. Nach Ansicht von Bund Naturschutz, Fischern und den Grünen soll dies auch so bleiben. Foto: Heinrich Bonert

Das Thema Wasserkraft ist in Oberstdorf immer wieder für hitzige Diskussionen gut. Die beiden Oberallgäuer Landtagsabgeordneten Adi Sprinkart und Thomas Gehring hatten selbst nicht mit dem großen Andrang gerechnet als sie zu der Veranstaltung „Wasserkraft im Oberallgäu – Potentiale und Grenzen“ einluden. Als Fachleute hatten die Grünen Thomas Frey vom Bund Naturschutz, mitgebracht. Fazit der teils emotionsgeladenen Debatte, in die sich auch Landrat Gebhard Kaiser, Bürgermeister Laurent Mies und weitere Kommunalpolitiker einmischten: Wasserkraft gehört zum regenerativen Energiemix – in geschützten Gebirgstälern handelt es sich aber um einen sehr sensiblen Abwägungsprozess.

Nachdem schnell noch zusätzliche Sitzgelegenheiten herbeigeschafft wurden, konnte Sprinkart die Podiumsdiskussion eröffnen. Er sprach die – für ihn nicht nachvollziehbaren – unterschiedlichen Genehmigungskriterien beim Bau von Wind- und Wasserkraftanlagen an. Während für Windräder klare Ausschlusskriterien bestehen, gebe es diese bei der Wasserkraft nicht. Seine Forderung: Ein schlüssiges regionales Gesamtkonzept, bei dem Naturschutzgebiete ausgeschlossen sind. Michael Fideldey vom AÜW ging auf Probleme der Energiewende ein, die auch das AÜW vor große Herausforderungen stelle. Nach einer Landkreis-Studie spiele in der Region der Ausbau der Wasserkraft im Gegensatz zu Solar- und Windenergie eine „untergeordnete Rolle.“ Für das Unternehmen gebe es an der Iller noch vier Möglichkeiten, mehr Wasserkraft zu erzeugen. Aus Sicht des Bund Naturschutz ist das Potential an Wasserkraft dagegen ausgeschöpft. Thomas Frey lehnt neue Kraftwerke in ökologisch sensiblen Gebieten ab. Vom BN gebe es schlüssige Konzepte für die Energiewende. Der Verein stehe aber auch klar für Natur- und Artenschutz. „Ein Wildbach, dem man 70 Prozent des Wassers entzieht, ist kein Wildbach mehr“, so Frey. Laut Fischereiverband beherbergen die Gebirgsbäche einzigartige Fischarten und Kleinlebewesen, und Franz-Josef Schick machte deutlich: „Gewässer sind mehr als Rinnen mit Wasser, sondern Adern in der Landschaft und Lebensräume.“ „Es ist ihre Heimat“, rief er die Anwesenden auf, die letzten Fließgewässer nicht „für immer und ewig zu zerstören.“ Obwohl das Motto des Abends eher neutral gehalten war, entzündete sich naturgemäß die lebhafte Diskussion am konkreten Fall, dem geplanten Kraftwerk an der so genannten Stillachklamm am Eingang zum Rappenalptal. 2009 wurde nach langer Prüfung und mehreren Ortsterminen ein Antrag von der Regierung von Schwaben wegen der Lage im Naturschutzgebiet abgelehnt. In diesem Jahr nahm der Verschönerungsverein Oberstdorf als neuer Grundeigentümer die Pläne wieder auf. Eine neue Wasserrichtlinie der Bayerischen Staatsregierung könnte hier das Genehmigungsverfahren erleichtern, befürchten die Projektgegner. Das Kraftwerk solle nur „aus Profitinteresse“ gebaut werden, befürchtet Oberstdorfs BN-Vorsitzender Michael Finger und warnte davor, „die Heimat zu verkaufen.“ Grüne, Naturschützer und Fischer wehrten sich gegen Vorwürfe aus dem Publikum, per se gegen die Wasserkraft zu sein. Bestehende Bauwerke könnten für Leistungssteigerungen modernisiert werden. Sie sehen ein Missverhältnis zwischen einer relativ geringen Energieerzeugung und der Zerstörung von geschützten Gebieten. „Die Wasserkraft wird die Energiewende nicht stemmen, selbst wenn wir alle Naturschutzgebiete zubauen“, so Frey. In der Diskussion wurden auch die unterschiedlichen Standpunkte zwischen Landrat und der Gemeinde Oberstdorf deutlich. „Oberstdorf lebt nicht von der Stromerzeugung sondern vom Tourismus und der Natur“, warnte Martin Rees „nicht der Haupterwerbsquelle zu schaden.“ In die gleiche Kerbe hieb Oberstdorfs Tourismus-Chefin Heidi Thaumiller. „Wir in Oberstdorf sollten das Recht haben, über unsere Landschaft zu bestimmen“, warnt sie davor „in die letzten unverbauten Täler zu gehen.“ Den Preis für den Eingriff zahle die Allgemeinheit. „Lasst uns das in den Kommunen entscheiden“ kritisierte Bürgermeister Mies die Entscheidungsmechanismen bei den Genehmigungsverfahren. Er sieht „Schutzfunktionen auf dem Verwaltungsweg ausgehebelt.“ Bergith Hornbacher-Burgstaler plädierte dafür, die vorhandenen Einsparpotentiale zu nutzen. Josef Geiger riet, „die Nutzung der Wasserkraft nicht zu stark zu verteufeln.“ Oberstdorf müsse auch seinen Beitrag zu Energiegewinnung leisten. Landrat Kaiser verwies auf die energiepolitischen Ziele des Landkreises. Er sieht eine Gesamtverantwortung von Kreis und Kommunen und warnte vor „Kirchturmdenken“. Man müsse gemeinsam die Erzeugung regenerativer Energien voranbringen. Dazu gehöre auch der Bau „des einen oder anderen Wasserkraftwerks.“ Weitere Wortmeldungen verwiesen auf die negativen Erfahrungen beim Bau des Faltenbachkraftwerkes. Auch alternative Standorte und die Nutzung des bestehenden Warmatsgundkraftwerkes als Energiespeicher wurden angesprochen.

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