Geplante Asylunterkunft in Oberstdorf: Die Menschen menschenwürdig unterbringen

Klotz: Asylunterbringung ist "kein Wunschkonzert"

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Ernste Mienen bei einem ernsten Thema: Thomas Kretschmer (Hauptamtsleiter Oberstdorf, von links), Bürgermeister Laurent Mies, Landrat Anton Klotz und Robert Immle vom Landratsamt. Auf der Leinwand dahinter das Modell der geplanten Unterkunft.

Oberstdorf – Asylpolitik im Oberallgäu ist Chefsache. Landrat Anton Klotz kam persönlich zu einer gut besuchten Informationsveranstaltung nach Oberstdorf, um die Anwohner einer geplanten Asylunterkunft von deren Notwendigkeit zu überzeugen.

Aktuell sind in Oberstdorf über 50 Asylbewerber im Ortsteil Reichenbach und in der Gerberstraße untergebracht. Die Gemeinde will dem Landkreis ein Grundstück in der Rubinger Straße verpachten, damit dort ein Systembau für 50 Flüchtlinge errichtet werden kann. Dies führte zu Protesten der Anwohner, die eine bessere Verteilung im ganzen Ort auf kleinere Einheiten fordern (der Kreisbote berichtete). Ihr Vorwurf: Man sei anderen Objekten im Ortszentrum nicht nachgegangen. Inzwischen gab einen öffentlichen Aufruf der Gemeinde, geeignete Objekte im Rathaus zu melden. Der Landkreis steht bei der Unterbringung von Flüchtlingen massiv unter Druck. Zuletzt musste er auf die Turnhalle der Berufsschule in Immenstadt zurückgreifen. Diese wird gerade hergerichtet, um ab Mitte Juli etwa 80 bis 100 Menschen ein Dach über dem Kopf zu bieten.

Oberstdorfs Bürgermeister Laurent Mies verteidigte den Ratsbeschluss. „Es gibt keinen idealen Standort“, zeigte er Verständnis für „unterschiedliche Sichtweisen“. Maßgabe sei gewesen, dem Landkreis eine geeignete Fläche für eine Flüchtlingsunterkunft anzubieten. „Der Standort wird dieser Aufgabe gerecht“, wies er den Vorwurf eines ‘Deals’ mit dem Landratsamt zurück. Der Gemeinde sei es darum gegangen, die Flüchtlinge zu integrieren und gleichzeitig eine „gewisse Sozialkontrolle“ zu haben, sieht er in der geplanten Unterkunft ein „passgenaues Objekt“. Landrat Klotz warb darum, „die Probleme gemeinsam zu lösen und die Zukunft solidarisch zu gestalten“. „Wir sind in der Situation, dass wir von der Hand in den Mund leben“, schilderte er die Lage bei der Unterbringung von Flüchtlingen im Oberallgäu als „dramatisch“. In der Verwaltung werde derzeit umstrukturiert, damit sich mehr Mitarbeiter um die Asylbewerber kümmern können. „Die Menschen menschenwürdig unterzubringen hat absolute Priorität“, so Klotz.

Edmund Seiler beklagt die mangelnde Information der Anwohner. Man sei bereit zu helfen. „Aber es fehlt an Ausgewogenheit“, forderte er kleinere Unterkünfte. „Größere Einheiten machen Schwierigkeiten“, bat er darum, die Entscheidung zu überdenken. Er sprach von sechs bis acht Häusern, die in Oberstdorf als Unterkünfte angeboten worden seien. Mies und Klotz wiesen diese Zahl zurück. Aktuell gebe es konkret nur das Angebot einer Pension und von zwei privaten Grundstücken, auf denen Wohncontainer aufgestellt werden könnten, so Robert Immle vom Landratsamt. „Wenn wir Angebote haben, schauen wir uns die genau an“, so Klotz. Manche seien aber nicht brauchbar, zum Beispiel wegen Brandschutzauflagen oder zu großem Aufwand für den Umbau. Für ihn macht es Sinn, auf von Gemeinden angebotenen Grundstücken Flüchtlinge in „Systemhäusern“ zusammenzufassen. Die Asylunterbringung sei „kein Wunschkonzert“. Erfahrungen im Landkreis zeigten, dass auch Unterkünfte mit 50 und mehr Flüchtlingen gut zu händeln seien. Martin Kaiser – Geschäftsführer des Sozial-Wirtschafts-Werks (SWW) – stellte vor, wie der geplante Bau aussehen soll. Dieser sei von Konzeption und Bauweise nicht für eine Dauernutzung vorgesehen.

Von den Anwohnern kamen zahlreiche Fragen zur Betreuung, einer möglichen Überbelegung, zur Lärmbelästigung und der Haftpflicht. Klotz kündigte an, dass die Gemeinden ab einer bestimmten Anzahl von Flüchtlingen „Quartiermanager“ als Bindeglied zwischen Behörden, Asylbewerbern und Ehrenamtlichen bekommen sollen. Die Sozialbetreuung durch die Caritas werde ausgebaut, so Dr. Armin Ruf. Klaus Noichl vom Helferkreis wünschte sich „mehr Transparenz“, was an Angeboten für Unterkünfte auf dem Markt ist. Die Beispiele in Reichenbach und der Gerberstrasse zeigten, dass Unterkünfte mit etwa 25 Bewohnern ganz gut funktionierten, sprach er sich für die Anmietung weiterer Pensionen aus. Wolfgang Burgstaller schnitt das Thema sozialer Wohnungsbau an, das es anzupacken gelte. Landrat Klotz sieht das genau so: „Mit der Unterbringung ist das Problem nicht gelöst“. Es gehe um Integration, Arbeitsplätze und darum, genügend Wohnraum zu schaffen. Er kündigte ein Programm zu Schaffung günstigen Wohnraums in Zusammenarbeit mit dem SWW an. Sonst drohe der „nächste soziale Sprengsatz“. „Was aus den Leuten wird, liegt auch ein bizzle an uns“, brach Gemeinderat Toni Weiler eine Lanze für die Aufnahme der Flüchtlinge. „Offen mit dem Thema umgehen und ein gutes Netzwerk schaffen“, riet Herbert Hiemer, der seit vielen Jahren mit Flüchtlingen arbeitet. Angesichts der Dimension des Problems werde wohl eine Mischung aus zentralen und dezentralen Unterkünften gebraucht. Mitte Juli will sich der Gemeinderat laut Bürgermeister Mies noch einmal mit dem Thema beschäftigen.

Heinrich Bonert

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