100 Tage im Amt – Ein Interview mit Sonthofens Bürgermeister Christian Wilhelm

"Sonthofen ist genau richtig"

+
Christian Wilhelm

Sonthofen – Am Freitag bekleidet Sonthofens Erster Bürgermeister Christian Wilhelm sein Amt seit 100 Tagen. Auf Bundesebene heißt es dann immer „Ende der Schonfrist!“ So sieht das unsere Redaktion natürlich nicht. Wir haben dennoch einmal nachgefragt, wie Christian Wilhelm sich nach 100 Tagen im Amt fühlt. Was er schon erreicht hat und was er demnächst erreichen will.

Herr Wilhelm, können Sie in Sonthofen noch „in Ruhe“ einkaufen, Sport treiben oder Spazierengehen?

Christian Wilhelm: In Sonthofen ist das ganz leicht. Die Menschen können Privates von Beruflichem unterscheiden. Es ist ein gutes Miteinander, man führt nette Gespräche. Ich kann zum Beispiel weiter regelmäßig im Wonnemar baden, das war mir wichtig. Ich werde auch nicht privat zu Hause angerufen. Sonthofen ist genau richtig: nicht zu städtisch, also anonym, und nicht zu dörflich.

Haben Sie sich schon eingelebt in Ihr Amt?

Wilhelm: Ich komme aus einem Verwaltungsberuf, da fällt es mir leichter, die Strukturen in der Stadtverwaltung zu erkennen, als wenn ich aus einem anderen Beruf kommen würde. Auch, dass meine neuen Mitarbeiter mich so nett aufgenommen haben, macht alles leichter. Durch die laufenden Projekte, die Altbürgermeister Hubert Buhl mit seinem Stadtrat noch angestoßen hatte – wie die Freizeitanlage in Altstädten oder der geplante Hort in Rieden – ist mir wenig Luft zum Einarbeiten geblieben.

Zum Altbürgermeister habe ich aber ein sehr gutes Verhältnis, er gibt mir oftmals Hilfestellung, ich kann immer zu ihm kommen, wenn ich Fragen habe. Ich versuche dies aber so wenig wie möglich zu nutzen, auch er soll seinen Ruhestand genießen.

Konnten Sie schon Vorhaben, die sie sich als Bürgermeister vorgenommen haben, anpacken?

Wilhelm: Ich sitze häufig in meinem Büro und frage mich: „Wann darf ich endlich mit meinen Projekten loslegen?“ Allerdings muss bei allem erst einmal die Kostenfrage geklärt werden: Ist es zu teuer? Geht das überhaupt? Bestes Beispiel ist hier das Thema Konversion.

Richtig loslegen konnte ich noch nicht. Zuerst einmal müssen die „alten“ Projekte noch abgeschlossen werden. Die Freizeitanlage in Altstädten konnte ja schon vom Probebetrieb in den Normalbetrieb übergehen. Das Thema Schule und Hort – der geplante Neubau in Rieden, von dem ich eben schon gesprochen habe – beschäftigt mich und den Stadtrat sehr.

Wir haben damit begonnen, die Strukturen im Rathaus und in der Verwaltung ein wenig umzuorganisieren. Ich möchte das Rathaus effizient und freundlich gestalten. Es gibt dort ein gutes Team, manche Handlungsabläufe können aber noch effizienter gestaltet werden. Das geht nicht von heute auf morgen.

Weiter möchte ich das Wirtschafts- und das Baureferat stärken – auch in Hinblick auf die Herausforderungen der Konversion, die noch auf uns zukommen. Im Bereich Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung habe ich schon einige Dinge auf den Weg gebracht.

Gab es besonders schöne Momente in der ersten Zeit als Bürgermeister?

Wilhelm: Es gab schon viele schöne Momente, gerade dann, wenn ich merke, wie viel ich in diesem Beruf eigentlich bewegen kann.

Der Brand im Hochhaus an der Eichendorffstraße – eigentlich kein schöner Anlass – hat mir gezeigt, wie gut die Zusammenarbeit zwischen den Rettungskräften in Sonthofen funktioniert. Die Bewohner des Hauses wurden gut betreut. In dieser Situation hat sich auch gezeigt, wie hilfsbereit die Menschen sind, beispielsweise der Unternehmer, der sofort seine Räumlichkeiten den Hausbewohnern zur Verfügung gestellt hat, damit sie nicht in der Kälte herumstehen müssen.

War Ihnen klar, wie viel Zeit Sie für das Bürgermeisteramt aufwenden müssen? Was sagen Ihre Frau und Ihre Kinder dazu, dass Sie – gerade abends – so oft unterwegs sind?

Wilhelm: Es fällt eigentlich gar nicht auf, dass es so viel mehr Zeit ist, die ich jetzt nicht zu Hause bin. Ich habe schon zuvor viel gearbeitet und war in der Vereinsarbeit sehr engagiert, da war ich auch oft abends oder am Wochenende unterwegs. Man muss sich Freiräume schaffen, und die Zeit, die einem mit der Familie zur Verfügung steht, effizient nutzen. Wenn ich auf die Zeit vor der Wahl zurückblicke, auf die Wahlkampagne, dann ist mein Leben jetzt, nach der Wahl, wesentlich entspannter.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Stadtrat?

Wilhelm: Die Turbulenzen der Anfangszeit hat man in der Arbeit des Stadtrates nicht gemerkt. Im Stadtrat sitzen viele neue Mitglieder. Sowohl die neuen als auch die alten Stadträtinnen und Stadträte sind sehr gute und fähige Leute, die sehr engagiert sind. Wir haben dort Leute aus der Wirtschaft, dem Tourismus, der Landwirtschaft, Ärzte, Lehrer, Vereinsvertreter… jeder bringt seinen Sachverstand ein. Es ist ein lebendiger Stadtrat, die Zusammenarbeit ist angenehm. Ich habe das Gefühl, dass es auf der menschlichen Ebene gut funktioniert.

Wie ist Ihr Verhältnis zu den Bürgermeistern der Nachbargemeinden?

Wilhelm: Die Zusammenarbeit mit den Nachbar-Bürgermeistern läuft sehr gut. Wir sehen uns spätestens alle zwei Wochen einmal, und es sind allesamt umgängliche Kollegen. Derzeit arbeiten wir an einem Projekt zu Untersuchungen im ländlichen Raum, da arbeiten wir eng zusammen. Auch im Bereich Verkehr – Bahnstrecke, Wegeverbindungen – klappt die Kooperation. Natürlich schaut jeder Bürgermeister, was für seine Gemeinde am Besten ist.

Wie geht es weiter beim Thema Konversion? Die Grüntenkaserne steht ja schon leer; gibt es schon Verhandlungen mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA)?

Wilhelm: Erste Verhandlungen mit der BImA sind angelaufen, es geht vor allem um Einzelgebäude, die die Stadt erwerben möchte. Eine Stadtentwicklungsgesellschaft soll sich mit der Frage beschäftigen, inwieweit die Stadt an der Entwicklung der Bundeswehrareale mitwirken soll. Schließlich geht es hier um den Erwerb von Flächen, das ist auch immer eine Frage der Finanzierung.

Ich sehe in der Konversion eine sehr große Chance für Sonthofen, insbesondere auf dem Immobiliensektor. Wir können – mit einem guten Immobilienmanagement und guten Verträgen – mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, gerade in den Bereichen Wohnen, Gewerbe und Haushaltssanierung.

Wie will die Stadt mit der steigenden Anzahl an Asylbewerbern umgehen? Wie wollen Sie den Ängsten und Vorurteilen in der Bevölkerung entgegentreten?

Wilhelm: Zunächst einmal möchte ich mich bei allen Ehrenamtlichen bedanken, die sich um die Asylbewerber in Sonthofen kümmern. Sie leisten tolle Arbeit. Ihre Arbeit ist der Grundstock der Integration. Sonthofen ist hier wirklich sehr gut aufgestellt. Für Ängste und Bedenken in der Bevölkerung habe ich durchaus Verständnis, daher ist genau zu prüfen, was und wieviel für Sonthofen verträglich ist.

Wir brauchen Unterkünfte. Und wir brauchen sie schnell. Ich möchte nicht, dass die Flüchtlinge in Turnhallen oder Containern leben müssen. Wir sind schon länger daran, ein Gebäude in der Grüntenkaserne als Unterkunft für die Asylsuchenden vom Bund zu erwerben. Hier muss uns die Bundesregierung entgegenkommen, nicht nur hinsichtlich des Kaufpreises, auch hinsichtlich rechtlicher Auflagen.

Was steht als nächstes auf dem Plan?

Wilhelm: Das Baugebiet Binswangen-Süd und der Aufbau einer Stadtentwicklungs-GmbH. Außerdem braucht die Bergwacht neue Räumlichkeiten.

Vielen Dank für das Gespräch!


Das Interview führte Eva Veit

Meistgelesene Artikel

"Busche Berta" in neuem Glanz

Ofterschwang – Es hat schon gut 200 Jahre „auf dem Buckel“, das alte Bauernhaus in Ofterschwang. Bald schon soll frischer Wind wehen bei „Busche …
"Busche Berta" in neuem Glanz

Ein Obdach für die "armen, presthaften Menschen"

Sonthofen – Ein aufmerksamer Beobachter findet bei einem Spaziergang durch Sonthofen viele Zeugnisse aus früheren Zeiten. So steht beispielsweise in …
Ein Obdach für die "armen, presthaften Menschen"

"Kein schönes Bild, aber notwendig"

Sonthofen – Beim „Hochwasserschutz Ostrach“ arbeitet das Wasserwirtschaftswerk Kempten derzeit am letzten Bauabschnitt. Gestern wurden dafür im …
"Kein schönes Bild, aber notwendig"

Kommentare