600 Jahre Gerichtsbarkeit in Sonthofen

Das Amtsgericht Sonthofen wurde im Jahre 1912 erbaut. Seit 2007 ist Sonthofen Sitz eines eigenständigen Amtsgerichtes. Foto: Stadt Sonthofen

Einem bedeutenden Ereignis der Stadtgeschichte widmet die Stadt Sonthofen den diesjährigen „Tag des offenen Denkmals” am Sonntag, 9. September: dem Bau des Amtsgerichtsgebäudes vor hundert Jahren. Das Gebäude ist nicht nur ein Zeugnis heimischer Baukunst des „Fin de siècle”, sondern auch ein Meilenstein des etwa 600 Jahre langen Weges in der Historie der Gerichtsbarkeit in Sonthofen. Es widerstand allen bayerischen Justizreformen und beherbergt heute eine Behörde, die sich als moderner „Dienstleister” für 82.000 Einwohner des südlichen Allgäus und der Stadt Sonthofen versteht.

Anfänge praktizierter Gerichtsbarkeit dokumentiert die Chronik schon in der Blütezeit der Burg Fluhenstein mit dem Hinweis auf vorhandene Kerker in den Kellergewölben. Wenn nur die Erhebung Sonthofens zum Markt und damit die Verleihung des „Blutbanns” – der Hochgerichtsbarkeit – als Zeitmarke angenommen wird, dann gab es in Sonthofen eine nachweisbare Gerichtsbarkeit seit dem Jahre 1429, also seit 584 Jahren. Diese Privilegien bekamen jedoch nicht die zumeist leibeigenen Einwohner des Marktfleckens zugesprochen, sondern die damaligen Gutsherrn, die Herren von Heimenhofen und der Bischof von Augsburg für ihre Latifundien. Steinerne Zeugen der mittelalterlichen Bestrafungsarten gibt es heute noch in der Stadt beispielsweise mit dem Gedenkstein an den Galgenbichl in der Nordstraße und dem Sühnekreuz in der Grüntenstraße. Das grausamste Kapitel waren die Hexenprozesse, bei denen 21 Menschen in Sonthofen auf dem Scheiterhaufen starben. Das Gerichtswesen wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten mehrfach reformiert. Ab 1802 kamen bewegte bayerische Zeiten auf das Gerichtswesen in Sonthofen zu. Der bischöfliche Pfleger residierte nicht mehr auf der Burg Fluhenstein, sondern im sogenannten Schloss im Ort. 1912 wurde ein prächtiger Neubau für das damalige Bezirksamt in der jetzigen Prinz-Luitpold-Straße (damals Hofacker) errichtet. Dem Gebäude wurde 1999 ein Anbau angefügt. Es widerstand allen weiteren bayerischen Reformen, ihm drohten aber der Verlust der Selbständigkeit und sogar die Schließung als Zweigstelle des Kemptener Amtsgerichtes. Im Jahr 2007 aber gab die bayerische Justizministerin Dr. Beate Merk die Heraufstufung als eigenständiges Amtsgericht bekannt, eine zukunftsweisende Entscheidung nicht nur für die Behörde, sondern auch für die Stadt. Sonthofen hat somit die einzige Zweigstelle in Bayern, die nicht aufgelöst wurde und eine Heraufstufung erhielt. Heute präsentiert sich das eigenständige Amtsgericht als Dienstleister für die Region in vielen Geschäftsaufgaben, wie in Straf- und Bußgelder, Zivil-, Vollstreckungs-, Nachlass- und Betreuungssachen, Familienangelegenheiten sowie dem wieder in Sonthofen etablierten Grundbuchamt. Das Amtsgericht ist im südlichen Oberallgäu für 82.000 Einwohner zuständig, Behördenleiter ist seit 2008 Amtsgerichtsdirektor Alfred Reichert mit sechs Richtern, zehn Rechtspflegern, 24 Justizfachwirten und je vier Wachtmeistern und Gerichtsvollziehern. Zum 100-Jährigen Jubiläum ihres Amtsgebäudes lädt die Behörde zum „Tag des offenen Denkmals” am Sonntag, 9. September, werden um 13 und 15 Uhr für die Besucher Hausbesichtigungen mit Führungen angeboten. Das diesjährige von der Stiftung Denkmalschutz vorgeschlagene Thema „Holz” wird im Heimathaus von 15 bis 18 Uhr mit Vorführungen von Geigenbaumeisterin Barbara Schober und Zupfinstrumentenbaumeister Johannes Schenk interpretiert.

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