Sprache ist Integration

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Leyla Hussein mit Tochter Sara und Pfarrerin Marlies Gampert, in deren Immenstädter Kirchengemeinde sie Kirchenasyl bekam. „Ich fühle mich hier sicher.“

Kempten/Oberallgäu – „Zeit für Integration?“ – Auf diese Frage der Diakonie-Vorstandsvorsitzenden Indra Baier-Müller gab es beim Jahresempfang mit Vertretern aus Kemptens Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche in der Integrativen Kindertagesstätte Oberlinhaus ein klares „Ja“ und die Botschaft: „Alles beginnt mit dem Erlernen der deutschen Sprache.“ Kurzweilig, eindringlich und überzeugend stellten vier Interviewrunden die Themen berufliche Integration, Traumabewältigung, Kirchenasyl und Zeitspende vor.

Amin Kamara kam 2001 aus Sierra Leone nach Kempten – der Liebe wegen. Der gelernte Sozialpädagoge machte zunächst einen Sprachkurs, arbeitete in den unterschiedlichsten Jobs bis er im vergangenen Sommer bei der Diakonie im „gelben Haus“ in Blaichach begann, wo unbegleitete minderjährige Jugendliche untergebracht sind. Für sie ist er eine Art „Vaterfigur“.

Jandal el Rafai aus Syrien fühlte sich bei der Ankunft im Klecks vor knapp einem Jahr gleich gut angenommen von den Helfern. Heute spricht er Deutsch, hat eine unbefristete Arbeit als IT-Ingenieur, sowie eine eigene Wohnung und engagiert sich selbst im Helferkreis.

Noch im Aufbau ist das Projekt „taff“ (therapeutische Angebote für Flüchtlinge). Sozialpädagogin Anja Voigt und Diplom-Psychologe Sait Eroglu haben vor kurzem gemeinsam die Koordinationsstelle dazu übernommen. Mit Dr. Stefan Schmid von der Stiftung „Welten verbinden“ unterhielten sie sich über die Vernetzungsarbeit zu Therapeuten und Dolmetschern und die individuelle Hilfe für traumatisierte Menschen aus einem ganz anderen Kulturkreis. „Das beginnt schon damit, dass der Anspruch an die Dolmetscher hier ein anderer ist, als das Übersetzung bei Behörden oder Gericht“, so Schmid. Und: „Das alles braucht Zeit.“ Viel sei dazu in den vergangenen zwei Jahren bereits geschehen – und die Diakonie Kempten sei ein wichtiger Partner. Einig waren sich die drei Experten, dass von den etwa ein Drittel traumatisierten Flüchtlingen nicht alle therapeutische Hilfe benötigen. „Eine stabile Zukunft kann stärkend sein.“ Meist würden Traumata auch erst später ausbrechen – sogar nach der Anerkennung des Flüchtlingsstatus.

Zeit nehmen müssen sich die Flüchtlinge, um Deutsch zu erlernen. Jandal el Rafai ist ein Beispiel dafür. Dr. Susanne Betz, Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit Spezialisierung für Traumata, hat ihn bei seinem Weg begleitet, ebenso wie Asylsozialberaterin Anke Heinroth. Sie hat ab 1. April mehr Zeit für die Koordinierung der Ehrenamtlichen – dank der Unterstützung der Fernsehlotterie.

Auf der anderen Seite nehmen sich viele Helfer Zeit, die Ankommenden zu unterstützen. 2013 waren es noch 30 Freiwillige, die Hausaufgabenhilfen und Deutschkurse gaben. Heute engagieren sich 450 Frauen und Männer in der Flüchtlingshilfe. Betz: „Meine Hilfe ist noch nie ausgenutzt worden.“ Kritisch geht sie mit den deutschen Behörden und Firmen ins Gericht. In München erlebte sie ein Chaos, als sie mit Jandal el Rafai einen Behördengang zu erledigen hatte. Bei der Lehrstellenbörse in Kempten gab es ablehnende Haltungen von großen Kemptener Firmen auf die Anfrage nach Praktikums- oder Ausbildungsplätzen. Bei einem Automobilhersteller bekam sie die Antwort: „Kommen sie in vier Jahren wieder.“

Leyla Hussein aus Somalia drohte mit ihrer Tochter Sara (4) eine Abschiebung nach Italien, wo es keine medizinische und sonstige Versorgung gibt. In Immenstadt fand sie vier Wochen Kirchenasyl in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde. Nach dem Kirchenasyl ist ihr Aufenthalt in Deutschland nun gesichert. Aber: Ihr Mann ist in Nürnberg. Der Antrag, dass die schwangere Frau mit ihrer kleinen Tochter dorthin kann, damit die kleine Familie wieder beisammen ist, dauert noch an – seit mehr als drei Monaten.

mori

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