Kinder und Jugendliche müssen über Risiken und Gefahren im Netz aufgeklärt werden

Missbrauchsfalle Internet

+
Auch bei Facebook muss man aufpassen, was man von sich preisgibt.

Kempten/Oberallgäu – Ein 25-Jähriger gibt sich im Internet als Jugendlicher aus und nötigt Kinder und Jugendliche zu sexuellen Handlungen vor der Webcam – das world wide web scheint sich zunehmend zu einer Gefahrenstelle für Kinder und Jugendliche zu entwickeIn.

Polizei und Jugendämter im Oberallgäu haben das längst erkannt und versuchen gegenzusteuern. „Wir wollen präventiv und vorausschauend aufklären”, sagt Thomas Baier-Regnery, Leiter des Amts für Jugendarbeit bei der Stadt Kempten. 

In den vergangenen Jahren stieg die Anzahl von Fällen sexueller Belästigung und sexuellen Missbrauchs über das Internet und auch von realem Missbrauch, der durch das Internet angebahnt wurde, erheblich an. So gelang der Polizei vergangene Woche in bundesweiten Razzien ein Schlag gegen mutmaßliche Online-Kinderschänder. Die Ermittler durchsuchten 40 Wohnungen von Verdächtigen in Hessen, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen. Den mehr als 40 Beschuldigten wird vorgeworfen, vergangenen September im Internet-Chat eines Sozialen Netzwerkes Kontakt zu Kindern und Jugendlichen gesucht haben. Sie gaben sich als Gleichaltrige aus und erschlichen sich ihr Vertrauen. Wie im Fall eines 25-Jährigen Studenten aus Baden-Württemberg, der derzeit in Untersuchungshaft sitzt und auf seine Verhandlung vor dem Landgericht Kempten wartet, nahmen sie vor der Webcam sexuelle Handlungen an sich vor und forderten auch ihre Chatpartner dazu auf. Auch im Ostallgäu wurde vergangene Woche ein 20-Jähriger festgenommen, der zu einem 14 jährigen Mädchen auf einer Internetplattform Kontakt aufgenommen haben, sie anschließend mit Telefonanrufen terrorisiert und teils sexuell beleidigt haben soll. 

Prävention und Aufklärung 

Das Internet hat das Kommunikationsverhalten in den vergangenen Jahren sehr stark verändert, sind sich Experten einig. Für mehr als 90 Prozent der Jugendlichen gehören soziale Plattformen, Facebook, Chats oder Instant Messeging zum Alltag. Baier-Regnery spricht von einer „wahnsinnig rasanten Entwicklung”. Mit all ihren negativen Begleiterscheinungen wie „Cyber-Mobbing”, Verstöße gegen den Datenschutz oder das Urheberrecht. 

So selbstverständlich der technische Umgang mit den neuen Kommunikationsmitteln ist, so gering ist bei Kindern und Jugendlichen aber oftmals das Wissen über die Risiken, die sich dahinter verbergen. Eltern und Lehrer sind angesichts der Welt der Sozialen Netzwerke und Messenger Dienste oftmals hilflos und überfordert.  „Man muss den Umgang mit Medien lernen”, betont der Leiter des Amts für Jugendarbeit. Aufklärungs- und Präventionsarbeit sind notwendig, um derartige Vorfälle, die für die Betroffenen – sowohl die geschädigten Kinder oder Jugendlichen als auch deren Eltern – oftmals eine enorme psychische Belastung darstellen. 

Laut Kreisjugendpfleger Stefan Wanner gibt es im Oberallgäu keine zentrale Stelle, die sich um den sicheren Umgang mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten kümmert. Wanner bietet an den Oberallgäuer Schulen Workshops und Vorträge über den sicheren Umgang mit dem Internet an. Zudem hält er als Freier Referent öffentliche Vorträge für Eltern und Pädagogen. Auch das Schulmedienzentrum in Immenstadt organisiert Vorträge für Schulen und Elternabende. Zudem verfügt jede Polizeidienststelle über einen Präventionsbeamten, der sich mit dem Thema Internet beschäftig und auf Anfrage an Schulen über geeignete Präventionsmaßnahmen informiert. 

"Nicht darauf reagieren" 

In Kempten betrachten die zuständigen Stellen die Entwicklung schon seit Längerem ebenfalls mit Sorgen und versuchen mit einem umfangreichen Präventionsprogramm gegenzusteuern. „In alle Jugendhäusern und -treffs der Stadt ist das Internet ein Thema”, berichtet Baier-Regnery. Im Rahmen des des Projekts „Zukunft bringt`s” wurde vor eineinhalb Jahren darüber hinaus eine eigene Medienwerkstatt eingerichtet, um Jugendliche über den Umgang mit den neuen Medien zu informieren. 

Für sie verantwortlich ist der Medienpädagoge Marcus Zahnleitner. Aufklärung und Prävention sind seiner Ansicht nach enorm wichtig. „Die Jugendlichen müssen vorher schon wissen, wie sie mit dem Internet umgehen müssen”, betont er. Das gelte im Besonderen für Soziale Netzwerke wie facebook. Dass Kinder und Jugendliche im weltweiten Web grundsätzlich keine persönlichen Daten hergeben, „müssen sie lernen wie bitte und danke sagen”, betont Zahnleitner. „Reale Daten nicht weitergeben – das ist einfach Grundwissen.” Vor allem Mädchen rät er, „keine reale Treffen ausmachen mit Menschen, die man nicht kennt.” 

Komme es im Chat oder in Messengern dennoch zu mysteriösen Vorfällen, rät er: „Nicht darauf antworten, nicht darauf reagieren – und sich ganz schnell an eine Vertrauensperson wenden.” Das könnten Freunde, Eltern, aber auch Lehrer sein. Vor allem Letztere seien sehr interessiert an den zahlreichen Workshops, die in Kempten angeboten. Von einer „sehr hohen Resonanz” weiß Zahnleitner zu berichten. 

„Jugendliche dagegen machen sich erst Sorgen, wenn es zu spät ist”, hat er festgestellt. So rolle derzeit gerade eine Abmahnwelle von spezialisierten Anwälten über facebook-User wegen des mutmaßlichen Verstoßes gegen das Urheberrecht. Daher mahnt er beim posten oder verlinken von Fotos oder Ähnlichem zu „Aufmerksamkeit und Vorsicht”. „Man sollte bei jeder Meldung, die man verschickt, kurz innehalten und überlegen – an wen geht das alles”, empfiehlt der Pädagoge.

Präventionstipps der Polizei

Tipps für Eltern: 

- Sicherheitsregeln vermitteln: Kinder sollten darauf vorbereitet werden, dass der Chat-Partner oft nicht der ist, für den er sich ausgibt. Die Eltern sollten ihnen altersgemäß erklären, was sie im Chat beachten müssen, was ihnen begegnen kann, wie sie sich bei Problemen verhalten sollen. 

- Probleme besprechen: Kinder und Jugendliche nehmen Anfeindungen im Chat oft persönlich und können sich nicht ausreichend distanzieren. Wenn sie anzügliche oder pornographische Darstellungen zugeschickt bekommen sind Verwirrung, Ekel- und Schuldgefühle normale Abwehr- und Schutzreaktionen. Die Eltern sollten die Erlebnisse ihrer Kinder ernst nehmen und mit ihnen darüber sprechen. 

- Sichere Chat-Räume vorschlagen: Die Eltern sollten sich über die Risiken der Chats, welche ihre Kinder besuchen, informieren und Chats vorschlagen, die eine sichere und angenehme Atmosphäre bieten. Unter www.chatten-ohne-risiko.net findet sich eine Übersicht sowie die Bewertung von zahlreichen Chats. 

- Auffälligkeiten und Verstöße melden! Sichern Sie (am besten per Screenshot) Beweise und wenden Sie sich damit an den Betreiber oder eine Meldestelle. Bei der Polizei können Sie außerdem Anzeige erstatten. 

Weitere Sicherheitshinweise finden sich unter www.klicksafe.de, www.kinder-sicher-im-netz.de, www.fragfinn.de, www.ein-netz-fuer-kinder.de

Tipps für Kinder: 

- Chatte nicht allein und suche Dir einen Chat, der von einem Moderator begleitet wird. 

- Nutze Instant Messenger-Dienste nur mit Personen, die Dir persönlich bekannt sind. 

- Gib auf keinen Fall private Infos wie deinen Namen, deine Adresse oder deine Telefonnummer heraus. 

- Ein guter Spitzname, der nichts über dich verrät, ist unheimlich wichtig. Das absolut Wichtigste ist aber: Treffe Dich nicht mit Leuten aus dem Chat und schicke ihnen keine Bilder von Dir, aktiviere keine Webcam-Übertragungen! 

- Bleibe immer misstrauisch. Am anderen Ende sitzt vielleicht eine Person, die Dich aushorchen oder belästigen will. Wenn Dir etwas komisch vorkommt, brich den Chat sofort ab und sage Deinen Eltern oder einem anderen Erwachsenen Bescheid! 

Matthias Matz und Eva Veit

Meistgelesene Artikel

Gelungener Zunftball der SfZ

Sonthofen – Eine gelungene Veranstaltung war auch in diesem Jahr wieder der große Zunftball der Sonthofer Fasnachtszunft SfZ im Haus Oberallgäu. …
Gelungener Zunftball der SfZ

Schnell und gut beheizt

Oberstdorf – Schlag auf Schlag geht es bei den Bergbahnen Oberstdorf/Kleinwalsertal. Mit der Inbetriebnahme der neuen Sechser-Sesselbahn, der …
Schnell und gut beheizt

Skispaß ohne Grenzen in Oberstdorf und im Kleinwalsertal

In den Skigebieten in Oberstdorf und dem Kleinwalsertal kennt der Skispaß, im wahrsten Sinne des Wortes, keine Grenzen. Eine der attraktivsten …
Skispaß ohne Grenzen in Oberstdorf und im Kleinwalsertal

Kommentare