Blumen im Kanonenrohr

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Sebastian Strehler als Graf F. (links) will die Marquise von O... (Lisa Wildmann, 2. von rechts) schon vor Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft heiraten.

Immenstadt – Eine bürgerliche Wohnstube mit Blümchentapete, an der Wand ein Gemälde mit einer Schlachtenszene, Fotos der Kinder und des verstorbenen Ehemannes sowie ein Marienbildnis, das von einer bunten Lichterkette umrahmt wird. 

Die Familie – Vater, Mutter und Tochter – sitzt beisammen und musiziert: Der Vater spielt Cello, die Mutter Flöte, die Tochter singt. Es gibt Schubert. Sehr idyllisch und ruhig. Plötzlich ein lauter Knall; die Lichter flackern, ein Trommelwirbel. Der Vater ruft: „Die Russen kommen!“ Es bricht Chaos aus; die Tochter sucht ihre Kinder, sie und die Mutter wollen sich verstecken. Der Vater macht sich auf, die Zitadelle zu verteidigen. Zu spät: unaufhaltsam durchbricht ein „Panzer“ die Mauer der Wohnstube, begleitet von lautstarken Schlagzeugrhythmen. Blendend helle Scheinwerfer strahlen ins Publikum, verfolgen die Tochter, welche von zwei russischen Soldaten massiv bedrängt wird – bis schließlich ihr „Retter“ auftaucht. Und die Geschichte nimmt ihren Lauf... 

Silvia Armbrusters Inszenierung von Heinrich von Kleists „Die Marquise von O...“, die kürzlich im Immenstädter Hofgarten von den Theatergastspielen Kempf aufgeführt wurde, zeichnet sich durch große Textnähe aus. Die Marquise von O... (Lisa Wildmann), eine „Dame von hervorragendem Ruf“, wohnt nach dem Tod ihres Mannes mit ihren beiden Töchtern bei ihren Eltern, Frau von G. (Ursula Berlinghof) und Herr von G. (Christian Kaiser). Nachdem der Krieg mit aller Gewalt über ihr ruhiges Leben hereingebrochen ist, muss sich die Marquise, nach langer Verdrängung, eingestehen, dass sie sich in einem „sonderbaren und unbegreiflichen Zustand“ befindet; sie ist schwanger, hat das Leben in sich „in größter Reinheit und Unschuld empfangen“. 

Ihre Eltern jagen sie, den „Schandfleck“, aus dem Haus. Die Marquise beschließt, ihr Leben nun selbst in die Hand zu nehmen und lässt sich als „Landfrau“ – also Bäuerin – mit ihren Kindern nieder. Mittels einer Zeitungsannonce will sie den Vater ihres ungeborenen Kindes finden, da sie sich nicht an die Umstände seiner Zeugung erinnert. Nachdem sie sich wieder mit ihren Eltern ausgesöhnt hat, taucht der Erzeuger auf: es ist ihr vermeintlicher Retter, der russische Leutnant Graf F. (Sebastian Strehler), der ihre Ohnmacht ausgenützt hatte. Obwohl zutiefst enttäuscht von ihm, der ihr „wie ein Engel“ vorgekommen war, hält die Marquise ihr Versprechen und heiratet ihn. 

Die Regisseurin spielt in der Inszenierung mit Gegensätzen: Musik, Licht und auch Geschwindigkeit setzt sie gekonnt als dramaturgische Effekte ein. Die Kriegshandlungen, die unversehens in das ruhige Leben der Familie einbrechen, sind laut, hell und schnell; die „Rettung“ der Marquise durch den Leutnant hingegen läuft zu ruhiger Musik, in gedämpftem Licht und Zeitlupe ab. 

Doch auch der Leutnant – eigentlich ein guter Mensch – kann sich der aggressiven Kriegsstimmung nicht entziehen und missbraucht die Marquise – wenn er auch in seiner späteren Entschuldigung vorbringt, ihre Augen seien geöffnet gewesen, ihre Arme hätten ihn gehalten. Und wenn die Mutter nach Beseitigung der gröbsten Kriegsschäden einen Blumenstrauß in das immer noch sichtbare Kanonenrohr des „Panzers“ steckt, zeigt sich, wie nah Krieg und Frieden einander sind. 

Kleists Intention, die Falschheit der bürgerlichen Gesellschaft aufzuzeigen, wird in Armbrusters Inszenierung gut hervorgehoben. Den Eltern ist das positive Bild nach außen wichtiger als ihre unschuldig in Not geratene Tochter, sie verstoßen sie, die sich in ihren Augen unsittlich verhalten hat, aus Scham vor den Reaktionen der Gesellschaft. Dennoch wird immer wieder offenbar, dass die Eltern unter der Situation leiden. Den schönen Schein wahren obwohl es ihnen schlecht geht – die Regisseurin versinnbildlicht dies unter anderem durch die Fortführung der Hausmusik, die jedoch ohne die Tochter eher einem Katzenjammer gleicht. 

Die innere Entwicklung, Emanzipation der Marquise, zeigt sich auch in der Veränderung ihres Äußeren. Sie, die zu Beginn des Stückes mit strenger Hochsteckfrisur und Abendkleid noch dem sittsamen, bürgerlichen Ideal entspricht, wird auch rein äußerlich durch die Misshandlungen der Soldaten gezeichnet: ihr langes Haar hängt ihr wirr ins Gesicht. Vor dem Rauswurf durch die Eltern ist es zwar wieder gebändigt, aber nicht mehr so streng wie zuvor. Mit ihrem Entschluss, ihr Leben trotz Schwangerschaft und ohne Unterstützung durch die Eltern selbstbestimmt zu leben, ändert sie ihr gesamtes Erscheinungsbild. Im legeren, hippiesken Schlabberlook, mit offener Lockenpracht und großem Strohhut kämpft sie sich gut gelaunt durch. Die Emanzipation der Marquise gipfelt darin, dass sie, um des Anstands willen, zwar den Grafen F., den Vater ihres ungeborenen Kindes, heiratet. Jedoch weigert sie sich, mit ihm zusammenzuleben. Nach einiger Zeit finden die beiden letztendlich zueinander; und sie zeugen in einem Liebestanz „eine ganze Reihe von jungen Russen“, wie die vom Kinder-Hüten erschöpften Großeltern klagen. 

Lisa Wildmann, Ursula Berlinghof, Christian Kaiser und Sebastian Strehler füllten ihre Rollen mit der ganzen Bandbreite ihres schauspielerischen Könnens mit Leben. Das Publikum im Hofgarten honorierte dies zum Schluss auch mit langanhaltendem Applaus.

Eva Veit

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