Mehr "Saft" aus der Region

Biomasse und...

„Vollgas geben“ will der Landkreis Oberallgäu bei der Energiewende. Möglichst viel Energie soll vor Ort in der Region erzeugt werden - sprich: der Ausbau regenerativer Energiegewinnung ist erklärtes Ziel. Der Oberallgäuer Kreistag brachte mit einem einstimmigen Beschluss eine Strategie auf den Weg, die den Anteil der regenerativen Energie auf 70 Prozent des Stromverbrauchs im Landkreis steigern soll. Neben Sparmaßnahmen setzt das „Rezept“ auf den Ausbau bei der Nutzung von Wind- und Wasserkraft, sowie Photovoltaik. Dabei, so betont der Beschluss, soll die attraktive Allgäuer Landschaft nicht unter die (Wind-)Räder kommen.

Auf dem Tisch von Landrat Gebhard Kaiser stapelten sich in den vergangenen Wochen die Anträge der Kreistagsfraktionen. Mehr oder weniger detailliert ausformuliert, zielten die Anträge allesamt in eine Richtung: Der Landkreis solle im Rahmen seiner Möglichkeiten alles tun, die Energiewende nach dem Atomausstieg Deutschlands auf regionaler Ebene zügig umzusetzen (der KREISBOTE berichtete). Insbesondere, so heißt es in dem Beschluss, soll der Landkreis die Möglichkeiten für „raumbedeutsame Windkraftanlagen“ verbessern: „Dieses Potenzial gilt es deutlich besser auszuschöpfen.“ Dabei sollen die Windräder nicht wie Pilze aus dem Boden schießen; vielmehr sei eine „Verspargelung“ durch Bündelung der Anlagen zu verhindern. Sportliche Ziele sind es allemal, die sich der Landkreis mit dem Beschluss steckt. Ausgehend von einem gleichbleibenden Stromverbrauch für die Region Oberallgäu / Kempten soll bis zum Jahr 2022 möglichst 70 Prozent des Verbrauchs mit regenerativen Energiequellen in der Region gedeckt werden. Als Quellen kommen praktisch nur Wasser- und Windkraft sowie Solarenergie in Betracht. AllgäuStrom, der Energieversorger-Verbund im Oberallgäu hat mehrere Szenarien vom „Fraunhofer Institut Solare Energiesysteme“ beleuchten lassen. Michael Lucke, Geschäftsführer der Allgäuer Überlandwerke, erläuterte anhand der Studie, ob und wie das Ziel erreicht werden kann. „Eine Selbstversorgung des Allgäus mit regenerativer Energie ist theoretisch möglich“, so Lucke. Allerdings seien die Szenarien abhängig vom zu erwartenden Stromverbrauch; entsprechend unterschiedlich müsse der Ausbau der Energieerzeugung gestaltet sein. Die Energieversorger erwarteten ein Leitbild. „Damit wir wissen, was wir tun sollen und tun können“, fordert Lucke einen Handlungsrahmen ein. Ein „optimistisches Szenario“ bei einer Verbrauchssteigerung von 1,5 Prozent beim Strombedarf kommt auf einen Selbstversorgungsgrad von 65 Prozent. Dabei müssten unter anderem 60 Windräder laufen (derzeit 12 im Landkreis) und 30 Biogasanlagen. Beim „realistischen Szenario“ kommt die Untersuchung auf eine Selbst-versorgungsquote von rund 53 Prozent - unter anderem mit 35 leistungsstarken Windkrafträdern und 20 Biogasanlagen. Die Analyse von AllgäuStrom zeigt: Über 70 Prozent Eigenversorgung scheinen nur realistisch, wenn die regenerative Energieerzeugung aus Wind, Wasser, Sonne und Biomasse kräftig ausgebaut wird bei gleichzeitigem Rückgang des Verbrauchs. Michael Lucke. „Aus unserer Sicht eine nicht reale Welt.“ Generell geht Lucke von einem Investitionsvolumen von gut einer Milliarde Euro bis zum Jahr 2022 aus. „Der Weg wird sehr schwer“, meinte Arno Zengerle, Bürgermeister der Vorreiterkommune in Sachen regenerative Energie, Wildpoldsried. Damit deutete Zengerle an, dass mit Widerstand gegen einige Projekte zu rechnen sei; vor allem Windkraftanlagen seien „umstritten“. In jeder Gemeinde werde man Befürworter und Gegner finden. Zengerle rechnet mit „heftigen Diskussionen“. Umso wichtiger sei es, dass „alle an einem Strang ziehen“. Dann werde es für die Gruppierungen schwer, die „gegen alles“ seien. Den Gemeinden komme die Rolle zu, die Bürger mitzunehmen auf dem Weg der Energiewende und die Menschen zu motivieren. „Die Bürger wollen saubere Energie und sind bereit zu investieren“, stellte Zengerle in Wildpoldsried fest, wo 24 Millionen Euro in die Hand genommen worden seien. Es sei jetzt Sache der Behörden, bei der Genehmigung von Anlagen „alle Spielräume auszuschöpfen“, sagte Roman Haug (Freie Wähler). Und was die beabsichtigte Wertschöpfung vor Ort abgehe, so Haug weiter, müssten geeignete Modelle entwickelt werden, die Bürgerinvestitionen förderten. Der Widerstand nehme ab, wenn der Profit für den Einzelnen sinke, bringt Haug die Motivation auf den Punkt. Herbert Siegel (ÖDP) setzt dabei auf „möglichst geringe Beträge“, um vielen Bürgern eine Beteiligung zu ermöglichen. Ein wenig Luft aus der Euphorie nahm CSU-Fraktionsvorsitzender Alfons Hörmann: Mit dem gefassten Beschluss sei erst ein Anfang gemacht. 90 Prozent steckten in der Umsetzung gerade bei diesem vielschichtigen und sensiblen Thema. Hörmann gab zu bedenken, ob Windräder das Allgäu tatsächlich touristisch attraktiv machten, wie Roman Haug angedeutet hatte. Oder ob es nicht einmal soweit kommen könne, dass eine Region ohne Windräder punkte. Stromerzeugung sei eine Sache, ergänzte Gisela Bock (FDP). Man dürfe aber den Energieverbrauch etwa beim Autoverkehr nicht einfach ignorie-ren. Für den aktuellen Beschluss des Kreistages wünsche sie sich, dass Mut und Begeisterung nicht verloren gehen, wenn Widerstände auftauchten.

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