Aufschlussreiche Beschreibungen von Land und Leuten im Allgäu des 19. Jahrhunderts

Kaffeetrinkende Raufbolde

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Aufschlussreiche Beschreibungen von Land und Leuten im Allgäu enthält der jüngste Band der „Physikatsberichte“.

Oberallgäu – Eine markante Beschreibung von Land und Leuten des Allgäus zur Mitte des 19. Jahrhunderts liegt jetzt in den „Physikatsberichten der Stadt- bzw. Landgerichte Lindau, Weiler, Kempten, Immenstadt und Sonthofen (1858 – 1861)“ vor.

In der Schriftenreihe der Bezirksheimatpflege Schwaben zur Geschichte und Kultur hat Gerhard Willi die handschriftlichen Berichte der Amtsgerichtsärzte jener Jahre aufbereitet und der Wißner-Verlag hat das fast 600 Seiten starke Werk veröffentlicht, das im Buchhandel erhältlich ist.

Die „Physikatsberichte“ aus der Mitte des 19. Jahrhunderts werden heute als umfassende Quelle geschätzt, berichtet Bezirksheimatpflege Dr.Peter Fassl. Autoren dieser historischen Aufzeichnungen über Land und Leute waren damals die Amts­ärzte der Landgerichtsbezirke, die flächendeckend das Königreich Bayern beschreiben sollten. Die Originalberichte gingen an das Innenministerium und wurden später in der bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt.

Als Teil der Staatsmacht erfüllten die Amtsärzte an den Landgerichten eine Anordnung des Dienstherrn. Verständlicherweise sei den mit der Abfassung der Berichten beauftragten Amtsärzten nicht daran gelegen gewesen, die oftmals armseligen Zustände in ihren Gegenden in aller Deutlichkeit zu schildern. Zudem, so gibt der Bezirksheimatpfleger zu bedenken, dürfe man die damaligen Vorstellungen von „gesund und krank“ nicht mit den heutigen vergleichen. Praktisch sämtliche kritischen und negativen Äußerungen über die jeweiligen Verhältnisse seien weggelassen oder umgewertet worden. Vielmehr wurde Wert darauf gelegt, die Reinlichkeit und Sauberkeit der Bewohner der Landstriche hervorzuheben: ihren Fleiß und ihre Frömmigkeit.

Ausführlich wird meist die Haus- und Wohnsituation und die Lebensweise der Menschen geschildert. „Ein zum Teil markanter Blick in den Alltag, abseits amtlicher Quellen“, so Fassl weiter. „Mit einer Veröffentlichung hat keiner gerechnet.“ Faszinierende Aspekte, die es nur in diesen Berichten gebe.

Heimatgeschichte in Form „hochinteressanter Aufzeichnungen, die es Wert sind, veröffentlicht zu werden“, bringt der Oberallgäuer Landrat Anton Klotz sein Lob auf den Punkt. Die Berichte gäben einen interessanten Einblick in das Leben der Menschen jener Zeit. „Die Menschen in der Region sind an solchen Veröffentlichungen interessiert“, weiß Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert.

42 Physikatsberichte aus den schwäbischen Kreisen liegen vor, erläutert Gerhard Willi, die für die Bezirksheimatpflege die Berichte aus Schwaben sichtete und bis zur Veröffentlichungsreife bearbeitete. Bei seiner intensiven Beschäftigung mit den Aufzeichnungen habe er sich „eine phänomenale Expertise“ angeeignet, bescheinigt Dr. Peter Fassl. Willis Arbeiten würden deutschlandweit wahrgenommen.

Wiederentdeckt wurden die Berichte in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek Anfang der 1980er Jahre. „Erste Anläufe einer Veröffentlichung verliefen im Sande...“ sagt Gerhard Willi. Dann griff die Bezirksheimatpflege Schwaben das Projekt auf. Inzwischen sind bereits mehrere Berichte veröffentlicht. Willi: „In Schwaben sind wir weit fortgeschritten.“ Der aktuelle Band deckt das südliche Allgäu ab mit den heutigen Landkreisen Lindau und Oberallgäu, sowie die Stadt Kempten. Die noch ausstehenden Landgerichtskreise sollen bald folgen.

In der Beschreibung seines Bezirkes geht Dr. Rudolph Cheverry in Sonthofen auf das „etwas rauhe Äußere“ der Allgäuer ein, das aber allen „Gebirgsvölkern“ eigen sei. „Doch birgt diese Schale meistens ein weiches Gemüth“, meint der Amtsarzt weiter. Und mutig sei der im Bezirks Sont­hofen anzutreffende Menschenschlag allemal: „Es fehlt auch in unseren Tagen nicht an Muth, der gestählt wird bei den gefährlichen Arbeiten in den Bergen. Die jungen Burschen kühlen denselben nicht selten gegenseitig an sich selbst ab, indem sie sich weidlich durchprügeln.“ Todschläge, so bemerkt Dr. Cheverry in seinem Bericht, kämen jedoch sehr selten vor. Nach der Rauferei sei die Sache dann beigelegt, ohne dass etwa ein Gericht bemüht werde.

Sorgen um die Sittlichkeit macht sich der Gerichtsarzt Dr. August Heindl in Immenstadt. So kritisiert er, dass oft schulpflichtige Kinder zum Viehhüten angehalten seien und wegen der dabei zu beobachtenden Viehbegattung „sehr frühzeitig aufgeregt“ würden. Als wenig Förderlich für Gesundheit und Körperstärke hält der Mediziner das Kaffeetrinken, das sich mehr und mehr durchsetze.

„Die Physikatsberichte der Stadt- bzw. Landgerichte Lindau, Weiler, Kempten, Immenstadt und Sonthofen (1858-1861); bearbeitet von Gerhard Willi; ISBN 978-3-95786-036-1; Wißner-Verlag, Augsburg, 35 Euro.

Josef Gutsmiedl

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